Wer sich für das Wachsen der Zivilgesellschaft oder der Kirche verantwortlich fühlt, spürt, wie entscheidend wichtig das Gespräch mit den Jugendlichen ist.

Oft offenbart der Herr einem Jüngeren, was das Bessere ist, schreibt der heilige Benedikt (ca. 480-547), der Vater des abendländischen Mönchtums, im dritten Kapitel seiner Regel. Benedikt, der ein außergewöhnliches pädagogisches Charisma hat, wendet sich mit diesen Worten an seine Mönche. Er denkt an Augenblicke tiefgreifender Entscheidungen und lädt seine Mitbrüder dazu ein, bei derartigen Beratungen die Jüngsten nicht auszuschließen. Mehr noch, er empfiehlt mit großem Nachdruck, dass sie einbezogen werden. Von ihrer Frische komme eine heilsame Provokation für alle, und das, worauf sie aufmerksam machen, müsse von allen mit einer gewissen Ehrfurcht zur Kenntnis genommen werden. Darin zeige sich oft – geheimnisvoll aber wirklich – die Stimme des Heiligen Geistes.

Eine der ersten Schülerinnen von Don Luigi Giussani – dem Gründer unserer Gemeinschaft – im Berchet- Gymnasium in Mailand, Eugenia Scabini, spricht, bezogen auf die kirchliche Situation im Italien der 50er und 60er Jahre, von einem ähnlich positiven Blick ihres ehemaligen Lehrers auf die Jugendlichen. Sie schreibt: „Don Giussani ist ein großer Interpret der jungen Generation, die gerade dabei ist, aktiv in die Geschichte einzutreten. Ganz schnell entsteht ein Einklang zwischen ihm und den Jugendlichen.

Und so gelingt es ihm, eine Botschaft zu formulieren, die die jungen Leute berührt.“ Die Fotos von Elio Ciol, die diesen Mailänder Priester inmitten von Schüler- versammlungen zeigen, machen deutlich, mit welcher Aufmerksamkeit die Gymnasiasten bei der Sache waren. Don Giussani selbst hat einen Notizblock in der Hand, um die interessantesten Bemerkungen seiner Gesprächspartner festzuhalten. Aus dem aufmerksamen Wahrnehmen der Fragen der Schüler und ihrer Ahnungen entstand immer neu die mitreißende Kraft seiner Art der Mitteilung.

Am 1. Oktober 1968 starb in München der Religions-philosoph Romano Guardini (1885-1968). In der dramatischen Zwischenkriegszeit hatte er in Deutschland seine besten Kräfte der Arbeit mit jungen Menschen gewidmet. Ende der 50er Jahre schrieb er, vielleicht im Rückblick auf unzählige Gespräche mit den Studenten, die sich auf der Burg Rothenfels in Unterfranken zu treffen pflegten, dass mit jedem Menschen die Existenz immer wie eine neue Wirklichkeit beginnt. In seiner tiefsinnigen Art konnte Guardini weit auseinanderliegende geschichtliche und geographische Horizonte zusammensehen und gleichzeitig auf das Drama der freien Entscheidung jedes einzelnen Jugendlichen schauen. Für ihn hatte jede Person alle positiven und negativen Möglichkeiten in sich, die zu einem Anfang gehören. Daraus erwachse die Ungewissheit der menschlichen Geschichte.

Nicht immer findet die natürliche verheißungsvolle Offenheit des Jugendlichen die notwendige Unterstützung, die ihn einen Weg in die richtige Richtung finden lässt. In ihrer Autobiographie „Wilde Schwäne“ schildert die chinesische Schriftstellerin Jung Chang (* 1952) die tragische, von ihr selbst erlebte Mao-Diktatur. Wie viele Gleichaltrige, trat sie in jungen Jahren in die Roten Garden ein, voller Enthusiasmus und Vertrauen in die Ideale der Revolution. Sie erzählt in dem Roman eine entscheidende Episode des kommunistischen China. Es handelt sich dabei um die gigantische Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Jahr 1966, an der über eine Million Rotgardisten teilnahmen. Der damals führende Theoretiker der Partei, Lin Biao (1907- 1971), rief in seiner leidenschaftlichen Rede die Jugendlichen auf, die Schulen zu verlassen und das zu zerstören, was er die Vier Alten nannte: alte Ideen, Kultur, Bräuche und Gewohnheiten der Vergangenheit. Man müsse dem Neuen Platz machen. An jenem Tag begann die Kulturrevolution, ein Prozess, der die chinesische Gesellschaft tief spaltete, wobei damals in fast allen Familien Kinder und Eltern einander unversöhnlich gegenüberstanden. Jung Chang erzählt, wie nach dieser finsteren Einladung in ganz China die Rothemden als fanatische Vandalen der Ignoranz auf die Straßen ström- ten. Sie plünderten die Häuser, zerstörten antiquarische Kostbarkeiten, zerrissen Gemälde, ließen Scheiterhaufen von Büchern in Flammen aufgehen und zerstörten in kürzester Zeit fast alle Schätze der privaten Sammlungen des Landes.

Was mich mehr beeindruckt als diese von der Autorin beschriebenen Gruppen oder Massen von Jugendlichen, sind die Erwachsenen, denen sie sich gegenübersehen. Jugendliche wachsen heran und ihr Beitrag für die menschliche Gesellschaft bekommt in dem einen oder anderen Sinn ein Gewicht, wenn sie auf Erwachsene treffen, die ihnen Orientierung bieten. Das gilt mit unterschiedlichen Akzenten genauso für die verborgene Existenz einer Klostergemeinschaft, wie für die Schule oder Universität, bis hin zum gesellschaftlichen und politischen Leben eines Volkes. Es sind Erwachsene, die von Jesus Christus oder vom Klassenkampf oder von einer neuen Welt sprechen und damit Jugendlichen ihre Sicht der Dinge vorstellen, wie die menschliche Existenz und das persönliche Leben einen Sinn bekommen kann. Und genau eine solche Entdeckung entzündet ihr Herz und hat die Kraft, sie in die höchsten und radikalsten oder wahnsinnigsten Unternehmungen zu stürzen.

Guardini selbst hatte mit dem dramatischen Gefühl der eigenen Machtlosigkeit vorausgesehen, wie Tausende von Jugendlichen auf die Verlockungen der rassistischen Propaganda Hitlers hereinfallen würden. Am Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb er mit Blick auf das verwüstete Deutschland, dass die Jugendlichen verletzt, schwer verletzt wurden. Zwölf Jahre lang waren sie wehrlos Lehrern anvertraut gewesen, die nichts anderes im Sinn hatten, als ihr selbstständiges Denken zu verhindern. Jetzt müsse man versuchen, der Jugend wieder die Unruhe des Geistes zu geben. Erst diese Unruhe würde sie vor dem Nihilismus bewahren.

Die Sehnsucht der Jugendlichen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Erfüllung ist ihre Kraft und gleichzeitig das, was sie so verletzlich macht. Wenn Jugendliche manchmal zu Trägern des Neuen stilisiert und so zu Hauptakteuren der Geschichte gemacht werden, so ist das oft nur eine Floskel, um sie für die Unterstützung eines von Erwachsenen ausgedachten Machtprojektes zu rekrutieren. Sicher sind die Jugendlichen dazu bestimmt, in der Gesellschaft und auch in der Kirche zu Elementen einer wahren Neuheit zu werden, aber dafür brauchen sie echte Autoritäten, Menschen, die ihnen uneigennützig begegnen. Sie brauchen Erwachsene, die sie in das Geheimnis ihrer eigenen Freiheit einführen, indem sie eine Erfahrung der Wahrheit anbieten, die auf die immer neue Stimme des Heiligen Geistes hin öffnet.

 

 

 

 

(photo Stefano Dal Pozzolo).

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