Predigt von Bischof Massimo Camisasca, dem Gründer der Bruderschaft, zum Beginn des Heiligen Jahres am 13. Dezember 2015 in Reggio Emilia.

Liebe Brüder und Schwestern!
In ihrer 2000jährigen Geschichte holt die Kirche immer wieder Neues und Altes aus ihrem Schatz hervor (vgl. Mt 13,52). Sie sucht dabei die für die jeweilige Zeit angemes- senen Worte. Heutzutage spüren wir die dringende Notwendigkeit, den zentralen Punkt neu zu entdecken, auf dem wir unsere Gegenwart und unsere Zukunft aufbauen können. Es muss etwas Neues geschehen. Wir brauchen einen neuen Grund.
Es ist inzwischen allen klar, dass wir in unserer Gesellschaft tiefgreifende Veränderungen erleben. Dabei dürfen wir uns nicht einbilden, dass wir die Zukunft aufbau- en könnten, während wir die Vergangenheit vergessen. Wir müssen gemeinsam gleichzeitig nach dem suchen, was wesentlich ist für das Leben.

Aus diesem Grund und aus anderen Gründen haben die Päpste des vergangenen und des gegenwärtigen Jahrhunderts auf alle möglichen Weisen versucht, die Wege zu den wesentlichen Dingen des Lebens aufzuzei- gen. Johannes Paul II. hat das getan, indem er uns durch seine drei der Dreifaltigkeit gewidmeten Enzykliken – unter ihnen Dives in misericordia über die göttliche Barmherzigkeit – die Wege des Menschen zu Gott in der Dreifaltigkeit und in der Menschwerdung Gottes erschloss. Benedikt XVI. hat diese Betrachtung fortgeführt, indem er uns von der menschlichen und der göttlichen Liebe sprach, vom Glauben und von der Vernunft. Papst Franziskus hat die Notwendigkeit dieser Wiederent- deckung des Herzens des Christentums in ihrer ganzen Tiefe erfasst. Er weist deshalb der Kirche mutig die Wege. Sie soll aus sich selbst heraus und auf die Menschen und auf ihren Herrn zugehen. Damit will er der ganzen Kirche helfen, ihre Berufung in diesem geschichtlichen Moment der Menschheit zu finden.

Papst Franziskus wollte dieses Heilige Jahr, um das wahre Gesicht Gottes, das Barmherzigkeit ist, wieder in die Mitte der Aufmerksamkeit zu rücken. Das barmherzige Handeln an den Menschen hat Gott dazu gebracht, seinen Sohn Mensch werden zu lassen, und ihn gesandt, um unter uns zu leben. Durch sein Leben und Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung hat er uns alles gegeben, was wir brauchen. Gleichzeitig möchte uns der Papst zeigen, was die Barmherzigkeit für uns bedeuten kann, wie wir barmherzig sein können, um der Einladung Jesu zu entspre- chen: „seid barmherzig, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Lk 6,36).

Barmherzigkeit finden und barmherzig sein. Das ist das Herz des Heiligen Jahres. Es hat heute für uns begonnen, sowohl mit der Öffnung der Heiligen Pforte in unserer Kathedrale, als auch mit der Veröffentlichung der Namen jener Kirchen in unserer Diözese, in denen jeder von uns durch Gebet und Beichte die Vergebung der eigenen Sünden erlangen kann, um so von neuem das barmherzige Wirken Gottes zu erfahren.

Papst Franziskus betont mit Nachdruck den Zusammenhang zwischen „Barmherzigkeit finden“ und „barmherzig sein“. Die Barmherzigkeit kann ja in uns nur der Widerschein und die Folge einer empfangenen Barmherzigkeit sein, die Folge einer unverdientermaßen empfangenen, ganz unentgeltlichen Vergebung. Wie der verlorene Sohn in der Umarmung des Vaters nicht nur die Vergebung für das getane Böse erlangt, sondern auch plötzlich die eigene Würde als Mensch entdeckt und die Wege in die Zukunft: die Freude zu leben, zu arbeiten und von neuem zu lieben (vgl. Lk 15,11-32).

Verpassen wir nicht diese Gelegenheit, diesen alles entscheidenden Anfangspunkt des christlichen Lebens neu zu entdecken: die Vergebung Gottes. Die Vergebung Gottes erneuert uns. Sie schenkt uns wieder das tiefe Bewusstsein unserer in der Taufe empfangenen Würde. Sie sendet uns zu allen Männern und Frauen, damit auch sie diese Barmherzigkeit des Vaters entdecken können, die der ganzen Existenz Sinn, Kraft und Farbe verleiht.

Hierbei helfen uns die sogenannten „leiblichen“ und „geistigen“ Werke der Barmherzigkeit. Jeder von uns möge sich jeden Tag von ihnen herausfordern lassen. Aber nicht so wie angesichts einer Pflicht, die in uns eine Bitterkeit hinterlässt, wenn wir sie nicht erfüllt haben; sondern so wie angesichts einer neuen Welt, die aufblüht, und die zu nähren und zu umsorgen Gott uns aufruft.

Die Barmherzigkeit allein eröffnet die wahre Gerechtigkeit. So entsteht eine Welt, in der der Platz Gottes anerkannt wird und dadurch auch der Platz jedes Mannes und jeder Frau. Wir sind zu einer wirklichen Umkehr aufgerufen: von der Habsucht zur Armut, vom Zorn zur Demut, von der Überheblichkeit zur Bescheidenheit. Diese Umkehr ist unmöglich, ohne das Kreuz Christi zu betrachten und daran teilzuhaben. Nur vom Kreuz her kann der Mensch einen friedvollen und barmherzigen Blick erlangen. Nur im Kreuz begegnen sich Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Wahrheit und Liebe. Jean Daniélou schreibt in einem Buch über Johannes den Täufer, dass die Passion Jesu diese beiden Aspekte Gottes vereint und geheimnisvoll versöhnt, ohne die Gott nicht Gott wäre: seine unendliche Heiligkeit und seine Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit Gottes, so sagt er, versichert uns, dass die Macht des Heiligen Geistes alles zu überwinden und uns von neuem den Zugang zum Vater zu ermöglichen vermag, selbst wenn wir unrein, verlogen und überheblich sind.

Wenn wir erkennen, dass uns das Handeln des barm- herzigen Gottes aus unserem Staub hervorhebt, werden wir aufmerksam auf die Anderen. Wenn wir ganz bewegt auf das schauen, was Gott in seinem Erbarmen mit unserer Armseligkeit für uns getan hat, entsteht in unserem Bewusstsein die Frage nach den Bedürfnissen der Menschen, die unsere Brüder und Schwestern sind.

Fragen wir uns also: Haben wir dem Hungrigen zu essen gegeben und dem Durstigen zu trinken? Wie viele Möglichkeiten gibt es heute, im Hungrigen und im Durstigen, im Flüchtling, im Obdachlosen, im Gefangenen, im Kranken und im Einsamen das Antlitz Gottes und die Person Christi zu entdecken! Aber wie viel geistige Not der Menschen gibt es auch! Darauf hinzuweisen folgt aus einer konkreten Aufmerksamkeit für die Komplexität des Menschen aus Leib, Geist und Seele. Das vielfältige Leid an Geist und Seele ist oft schrecklicher als leibliche Beschwerden. Neben dem Unterbringen, Verköstigen und Besuchen dürfen wir nicht vergessen, wie wichtig Rat, Trost, Vergebung und Zurechtweisung sind. Wie viele Menschen haben auch einfach das Bedürfnis, angehört zu werden, an der Hand genommen zu werden und Hilfe zu finden bei der Suche nach Wahrheit und Leben!
Bleiben wir nicht ungerührt angesichts der Gnade, die – durch die Initiative des Papstes – das Angesicht unserer Erde verwandeln kann! Lassen wir uns anstecken vom Durst Christi. Es dürstet ihn nach uns und – durch uns – nach allen Menschen. Lassen wir uns neu anstecken von unserem Durst nach ihm, auch wenn dieser vielleicht unter einer Mauer des Vergessens und der Zerstreuung verschüttet ist.

An diesem feierlichen Tag erbitte ich für uns alle und für jeden Mann und jede Frau unserer geliebten Diözese die Gnade einer neuen Geburt. Möge die Allerseligste Jungfrau Maria, Mutter der Barmherzigkeit, unsere Herzen öffnen und sie ihrem eigenen Herzen ähnlich machen. Amen.

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