Die Barmherzigkeit Gottes ist wie eine Reise in eine entlegene Ferne, in die finsteren Gegenden des Bösen und des daraus erwachsenden Leidens. Es ist eine Reise, die grundlos zu sein scheint, denn wer aus freier Wahl das Böse tut, verdient eigentlich nicht Hilfe, sondern Strafe. Es ist also eine Reise jenseits der Gerechtigkeit. Sie ist etwas absolut Unverdientes. Sie ist ausgerichtet auf eine ganz persönliche Begegnung. „Wir wurden mit Gott versöhnt, als wir noch Gottes Feinde waren, als wir noch Sünder waren,“ so sagt Paulus (vgl. Röm 5,10). Versöhnung: das ist die tiefe Sehnsucht Gottes, die ihn dazu bewegt, aus sich heraus auf den sündigen Menschen zuzugehen. Gott will dem Menschen wieder begegnen. Wo Gegensatz und Feindschaft herrschen, möchte er wieder eine Beziehung der Freundschaft herstellen.
Wie geschieht diese Versöhnung? Gott möchte vor allem, dass der Mensch aufhört, das eigene Böse zu rechtfertigen. Die von ihm ersehnte Begegnung beginnt dort, wo alles wieder aus der Sicht Gottes beurteilt wird. Gott anzunehmen, bedeutet für den Menschen, sich selbst so anzuschauen, wie Gott ihn anschaut. Die „Bekehrung“ des eigenen Urteils über sich selbst ist der erste große Schritt, der alle anderen nach sich zieht.
Das schönste Beispiel für die Tiefe, mit der Gott dem Menschen begegnen möchte, ist die Geschichte des Zachäus aus dem Lukas-Evangelium (Kap. 19,1-10). Zachäus wusste genau, dass sein Handeln nicht gottgefällig war. Aber erst sein Staunen darüber, dass der Meister, der auf der Suche nach ihm persönlich von weit her gekommen ist, nun zu ihm nach Hause kommt, lässt ihn öffentlich sein Unrecht anerkennen und erklären: „Wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ Jesus ermutigt ihn, dieser Entscheidung treu zu bleiben, mit den Worten: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ Das Heil ist genau diese Begegnung, die neu gefundene Gemeinschaft, die sich dann in einer Änderung des Lebens zeigt.
Die Kirche ist so sehr von dieser Umkehr des Herzens überzeugt, dass sie die Erlösung eines ganzen Lebens verheißt, selbst da, wo sie sich erst im Angesicht des Todes ereignet. Aber wie ist es möglich, dass ein von Egoismus, Gewalt und Betrug geprägtes Leben lediglich durch das einfache Anerkennen, dass das alles böse war, gerettet wird? Genügt es wirklich zu sagen: „Ich habe gesündigt, verzeih mir!“ damit alles ausgelöscht wird? Etwas in uns lehnt sich dagegen auf. Es scheint uns ungerecht.
Hier handelt es sich um einen tiefen Einwand, der eine Art Schatten auf das Verhalten Gottes wirft und in uns das ungute Gefühl zurücklässt, dass unser Handeln dann ja im Grunde gleichgültig ist. Die Barmherzigkeit scheint tatsächlich ein Akt der Willkür zu sein. So groß ist der Anstoß, den wir an dieser grenzenlosen Güte Gottes nehmen.
Eine wunderschöne Seite aus dem Buch des Propheten Ezechiel enthält die Antwort, die die Kirche zu ihrer eigenen macht. „Denkt gut nach, ihr, die ihr mich anklagt“, sagt Gott, der Herr, in diesem Text. „Sind meine Wege ungerecht oder nicht vielmehr eure?“ Warum erlangt derjenige, der sich vom Bösen entfernt, Vergebung und Leben? Weil er nachgedacht hat, seine Art, die Dinge zu beurteilen, geändert hat und sich von jeder begangenen Schuld abgekehrt hat. Er hat sich also dafür entschieden, sein Handeln dem neuen Urteilen anzugleichen. „Er wird bestimmt am Leben bleiben und nicht sterben“ (vgl. Ez 18,21). Selbst wenn er bei seinem letzten Atemzug die auf- richtige Sehnsucht hat, nach dem zu leben, was er als wahr erkannt hat, dann genügt das. Die entscheidende Versöhnung ist geschehen.
Das Festmahl im Haus des Zachäus, des Zöllners von Jericho, wird so für Jesus zu einem Symbol des Himmels, in dem die größte Freude die Bekehrung eines einzigen Sünders ist.

Foto: Juskteez Wu

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