Die Zeit, die wir anderen geben, ist eine Gelegenheit, an der Schule Christi teilzunehmen.

Seit einigen Monaten gehe ich samstagnach- mittags zusammen mit Tommaso und Don Nicolò Ceccolini in das Jugendgefängnis von Casal del Marmo in Rom. Und ich stelle fest, wie wertvoll diese Zeit ist, die wir diesen Jun-gen, denen wir begegnen, schenken: Unser Tun besteht im Wesentlichen darin, mit ihnen zusammen zu sein, einen Nachmittag in der Woche zu verbringen, ohne Ansprüche und Projekte, je nachdem, was der Tag bringt.
An einem Samstag passiert etwas anderes als das Übliche: Don Nicolò bittet uns, ihm zu helfen, zusammen mit drei jungen Gefangenen einige Zellen zu streichen. Die Arbeiten hatten bereits vor einigen Tagen begonnen: Unsere Aufgabe ist es, den Anstrich einiger Zellen in einem Gefängnistrakt fertig zu stellen. Als wir anfangen zu streichen, lache ich fast, wenn ich dieses Malerteam betrachte: ein Priester, zwei Seminaristen, eine Nonne und drei Sträflinge. Aber wir sind von dem Wunsch beseelt, diesen Ort – auch wenn es unglaublich erscheint, dass dort jemand leben könnte – schöner und menschlicher zu machen.
Ich bin auch beeindruckt von dem Klima, das mit den Jungen geschaffen wird. Wir streichen im Rhythmus einer absurden Balkanmusik, die aus einem kleinen Fernseher kommt. Die Witze und Scherze sind immer dieselben, aber es ist klar, dass diese Kinder, wenn man ihnen etwas Sinnvolles zu tun gibt und ihnen hilft, ihr Ziel zu verfolgen, aus ihrer Oberflächlichkeit herauskommen und nahbarer werden – voller Hoffnung, dass das Leben nicht nur schlecht und sinnlos ist.
Don Nicolò wiederholt gerne, dass das wahre Maß der Liebe nicht der Erfolg, sondern die Verschwendung sei: die Verschwendung von Zeit für sie mit Treue und Leidenschaft. Dann wird selbst das scherzhafte Bemalen einer Zelle, das Betrachten der Wunden, die sie tragen, und das Teilen von zwei Stunden Arbeit für mich zur Gelegenheit, in die Schule Christi zu gehen, der für mich alles von sich selbst „verschwendet“ hat.
Einer der Jungen, dem wir am meisten missfallen, sagt am Ende des Nachmittags zu uns: „Warum kommen Sie hierher? Sie sind nutz-los, Ihre Anwesenheit ist nutzlos.“ Tommaso und ich schauen uns ein wenig überrascht an. Wir versuchen, ihm zu antworten, dass wir für sie da sind. Aber offensichtlich überzeugen wir ihn nicht. Wenn ich darüber nachdenke, begreife ich noch mehr das Ausmaß des freien Gebens Jesu, vor allem für mich.
Tatsächlich bin ich der Erste, der Widerstand leistet. Aber Christus tritt in mein Leben ein – durch das Gesicht meiner Brüder, durch die Liturgie, in den Menschen, denen ich begeg-ne, um mich von meiner Ablehnung wegzureißen und mich zu sich selbst zurückzubringen. Ich fühle mich also privilegiert, jeden Samstag, wenn ich das Gefängnis betrete: Ich weiß, dass ich ein wenig mehr lernen kann, so zu lieben wie er.

auch lesen

Alle Artikel