Die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft beginnt immer mit einer freundschaftlichen Beziehung: Ein Zeugnis aus der Peripherie Santiago de Chiles

Ich möchte die Geschichte eines Freundes erzählen, Felipe. Er ist der Vater eines behinderten Kindes. Ich traf ihn in einem Institut, das Workshops organisiert, um die Entwicklung dieser Kinder zu unterstützen. Ich gehe dort seit zwei Jahren einen Nachmittag die Woche hin. Während die Kinder im Klassenzimmer sind, halte ich mich mit ihren Eltern in den Fluren auf. Für lange Zeit bin ich Felipe dort begegnet: Wir haben mal weniger und mal mehr miteinander geredet, mal für ein paar Minuten, mal für länger. Ich dachte, dass ich ihn ab diesem Jahr nicht wieder sehen würde, weil sich mein Besuchstag im Institut geändert hatte. Stattdessen geschah etwas Unerwartetes.
An einem Nachmittag im März war ich im Innenhof einer Kapelle, die zu unserer Pfarrei gehört. Das Tor geht zu einer großen Straße heraus, wo sich auch eine Bushaltestelle befindet. An einem bestimmten Punkt sehe ich Felipe aus dem Bus steigen und auf mich zukommen. Er sagt mir, dass er, nachdem er mich gesehen hatte, ausgestiegen ist, um mit mir über wichtige Dinge zu sprechen. Wir setzen uns hin und er erzählt mir von schweren familiären Problemen, die sich in jüngster Zeit ereignet haben. Wir verabreden uns an einem anderen Tag und so beginnt eine neue freundschaftliche Beziehung. Nach und nach merke ich, dass eine persönliche Beziehung zu mir nicht ausreicht. Er muss einer größeren Realität begegnen, das heißt dieser christlichen Gemeinschaft, die auch mein Leben nährt. Also beschließe ich, ihn zum Seminar der Gemeinschaft der Erwachsenen einzuladen, das wir jeden Freitagabend halten. Er akzeptiert und kommt seitdem immer. Nach kurzer Zeit sagt er zu mir: “Ich komme nicht hierher, weil du hier bist. Ich würde sowieso kommen, auch wenn du nicht da wärest. Denn was ich hier getroffen habe, ist für mich lebenswichtig”. Für mich war es eine Befreiung und Freude, einen Sohn, einen Freund zu sehen, der so entschlossen sich dem Leben verschrieben hat, das mich hervorbringt.
Was mich an ihm in diesen Monaten beeindruckt, bei denen ich ihn am Leben der Kirche und besonders der Bewegung von CL teilnehmen sehe, ist seine Ernsthaftigkeit, mit der er alles lebt.
Einmal habe ich ihn an seinem Arbeitsplatz in einem Einkaufszentrum besucht. Wir wollten miteinander essen. Bevor wir das Fastfood Restaurant betraten, sagte er zu mir: “Komm, ich will dir einen Ort zeigen”. Ich folgte ihm durch einen Korridor für die Angestellten und wir hielten vor einer Tür. Er öffnet sie und wir gehen hinein. Es ist ein halb leerer Raum, in dem in der Nähe einer Wand ein Hocker steht. Felipe erklärt: “Siehst du, ich arbeite morgens und abends in diesem Einkaufszentrum. Stets dröhnt laute Musik aus den Lautsprechern, die mich ganz benommen macht. In meiner Mittagspause esse ich schnell meine Mahlzeit und dann komme ich hierher, schließe die Tür und halte Stille. Ich nehme das Buch vom Seminar der Gemeinschaft heraus und lese es.“
Die Begegnung mit Felipe ist eine der Erfahrungen, die mich in diesen Monaten am meisten mit Dankbarkeit erfüllt.
Es ist ein Geschenk Gottes, das auf geheimnisvolle Weise durch eine Erfahrung tiefen Schmerzes gegangen ist und geht. Wenn ich meinen Freund anschaue, werde ich an Gottes Vorliebe erinnert, der Mitleid mit meinem Nichts hatte, und der mich als Vermittler Seiner Gnade zu anderen Brüdern sendet, die er wählt.
 

 

(Alessio Cottafava ist Kaplan der Pfarrei des Göttlichen Meisters in San Bernardo, Chile.)

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