Auch Krankheit kann eine positive Erfahrung sein. Durch sie können väterliche Seiten geweckt und persönliche Beziehungen aufgebaut werden.

Als ich im Jahr 2013 von einer Freizeit mit Jugendlichen zurückkehrte, konnte ich plötzlich nicht mehr laufen. Es genügten eine neurologische Untersuchung und ein kurzer Klinikaufenthalt, um die Diagnose Multiple Sklerose zu stellen. Anfangs hinterließ mich diese Nachricht sprachlos. Dank der Nähe von Freunden und Verwandten verstand ich jedoch mit der Zeit, dass auch das Erleben dieser Krankheit eine große Bereicherung für meine Berufung, für mich als Person und für diejenigen, mit denen ich lebe, sein konnte. Kürzlich musste ich wieder ins Krankenhaus, da sich mein Zustand merklich verschlechtert hatte. Es lagen anstrengende Monate hinter mir, in denen ich fast nichts tun konnte. Ich stellte mir viele Fragen: „Werde ich es schaffen, diese Krise zu überwinden?“ „Und was für eine Zukunft erwartet mich?“
Als ich ins Krankenhaus kam, stellte ich fest, dass es dort keinen Ort gab – keine Kapelle oder Kirche –, wo ich auch nur in kleinstem Rahmen meinen priesterlichen Dienst hätte ausüben können. Es gab keinen Ort für mich und es gab keinen für die anderen Patienten: Er passte nicht in diese sachliche, von Verstand geprägte Umgebung.
Gemeinsam mit Mario, einem Priester, mit dem ich zusammen im Haus lebe und der mich begleitete, war ich verwundert, und wir fühlten uns etwas orientierungslos. Doch wir versuchten, aktiv eine Möglichkeit zu finden, während dieser Zeit die Sakramente feiern, beten und Personen, die es wünschten, begegnen zu können. Das Personal auf der Station ließ mir viel Freiraum: Sowohl der Primar als auch die Oberschwester erlaubten mir, in meinem Zimmer die Messe zu feiern, wobei ich mich stets versicherte, meinen Zimmernachbarn nicht zu stören.
Trotz aller Anstrengung erwies sich diese Situation Tag für Tag voll unerwarteter Gnade – als eine menschlich wie geistig gesehen reiche Erfahrung. Im Raum alleine, zu unmöglichen Zeiten und fast heimlich die Messe zu feiern, ließ die „217“ mit der Zeit zum „Zimmer des Priesters“ werden. Vor diesem Hintergrund begannen die Physio-therapeuten, Krankenschwestern, Ärzte und die anderen Patienten mit mir reine, ruhige und aufrichtige Beziehungen aufzubauen was Glaubensfragen betraf.
Es gibt viele Geschichten, die mich beeindruckt haben, beginnend mit den Physiotherapeutinnen, die sich um mich kümmerten. Sie öffneten sich mir gegenüber und stellten frei heraus Fragen. Am Anfang war es vor allem Neugier. Doch nach und nach lernten wir uns besser kennen und sie baten um Rat in manchen Lebensfragen.
Eines Morgens lud mich die Sozialarbeiterin des Zentrums in ihr Büro ein. Ich dachte, es sei ein normaler Routinebesuch. Stattdessen hatte sie den Wunsch, mit mir über die Erziehung ihrer Kinder zu sprechen. Dies war einer der schönsten Momente für mich: Es entstand eine Verbindung über das Professionelle hinaus.
Mir kommt auch eine Physiotherapeutin in den Sinn, die das Gespräch über einen moralischen Zwiespalt und über Zweifel in ihrem Leben suchte. Ich erinnere mich an ihr Unbehagen über die ungewöhnliche, schwierige Situation, in der sie lebte, und ihren Schmerz darüber, dass sie nicht die Sakramente empfangen konnte. Und ich sehe die vielen kranken und alten Personen vor mir, denen ich begegnet bin: Mir kommt es vor, als ob die Krankheit in mir einen väterlichen Sinn für all diejenigen geweckt hat, denen es schlecht geht. Jeder wusste, dass ich ein Priester der Bruderschaft des Hl. Karl bin und man suchte mich auf, um mit mir zu reden. Ich verstand dadurch, dass man für jemanden zur Autorität wird, wenn er erkennt, dass du ihn so umarmen und annehmen kannst, wie er ist.
Einmal ging ich in mein Zimmer, um auszuruhen. Es kam eine Krankenschwester und sagte mir: „Es stehen Menschen Schlange, die beichten möchten!“ Und tatsächlich: Vor meiner Tür warteten vier Personen im Rollstuhl darauf, an die Reihe zu kommen. Es war sehr bewegend, mich Teil einer Gemeinschaft von Freunden und Geschwistern zu fühlen, die mich nie allein ließen und gemeinsam mit mir staunten, was geschah.

Aldo Belardinelli, Priester seit 2006, lebt im Haus St. Josef, in der Nähe von Corridonia (Mc)