Bischof Camisasca gedenkt Don Luigi Giussani anlässlich seines Todestages.

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Freunde,

glücklicherweise hat uns die heutige Liturgie eine der Passagen des Evangeliums vorgeschlagen, die Don Giussani am meisten liebte und oft zitierte. Nachdem Jesus die Jünger gefragt hatte, für wen ihn die Menschen hielten, sprach er sie persönlich an und forderte ihre Freiheit heraus: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Im Namen aller erkennt Petrus in Jesus den Christus, also den Messias. Wie kam Petrus zu dieser Erkenntnis? Einfach indem er mit ihm war, ihn anschaute und ihm zuhört.
Wie ihr wisst, war mein Leben von meiner Begegnung mit Don Giussani geprägt. Ich hatte die Gnade, mit ihm über mehr als 40 Jahre verbunden zu sein. Ohne fürchten zu müssen, falsch zu liegen, kann ich sagen, dass sein Wunsch, Jesus zu kennen und Ihn bekannt zu machen, seine Hauptbeschäftigung und seine einzige Leidenschaft waren. Er wusste, dass das Abenteuer, Christus zu kennen, unendlich und fortschreitend ist und stets zu weiteren und tieferen Entdeckungen führt. Da Don Giussani auf dem Weg war, die Gegenwart des Göttlichen in der Person Jesu und im Leben der Kirche zu erkennen, war seine Verkündigung voller Leidenschaft, voller Überzeugung, fähig zu überzeugen und unermüdlich. Es war, als ob Don Giussani in jedem Moment hörte, wie Jesus ihm die Frage stellt: du aber, wer glaubst du, wer ich bin? Er wollte seine persönliche Antwort geben.
Durch Don Giussani richtete der Herr diese Frage an mich und an viele andere Männer und Frauen, die ihn hörten und ihm folgten. Durch die Texte, die Giussani uns hinterlassen hat, durch das tägliche Leben der Fraternität von Comunione e Liberazione (Gemeinschaft und Befreiung), durch die vielen Werke, die aus dem Charisma, das Giussani gegeben wurde, entstanden sind oder daraus ihre Inspiration haben, erreicht der Herr weiterhin viele Menschen, macht sich in ihrem Leben gegenwärtig und stellt ihnen diese Frage. Die Bewegung von CL hat nur dieses Ziel: in der Menschheit Jesu die Gegenwart Gottes und im Leben der Kirche die Gegenwart Christi zu erkennen.
Oft habe ich von Don Giussani und meiner Begegnung mit ihm gesprochen. Ich habe viele Seiten über seine Geschichte, sein Denken und sein inneres Leben geschrieben. Heute, mehr als zehn Jahre nach seinem Tod, frage ich mich: Was ist der wichtigste Beitrag, das spezifische Wort, das Gott der Kirche durch Don Giussani sagen wollte? Sicherlich sein Anti-Intellektualismus und sein Anti-Moralismus, nämlich die Vorstellung vom Christentum als ein Ereignis, als persönliche Beziehung zum gegenwärtigen Christus. Der Glaube ist das Ereignis der Vertrautheit Gottes, das mich durch einen Menschen, durch die Menschlichkeit Jesu erreicht. Jesu lebt und ist in jedem Moment der Geschichte gegenwärtig, insbesondere durch den Glauben und das Zeugnis derer, die Christus bereits sich zu eigen gemacht hat. Die Zugehörigkeit zur Kirche wird so zum Ort, an dem der Mensch auf tiefe Weise sich selbst und seine Bestimmung erkennen kann. Dieses so hohe und gleichzeitig so faszinierende Verständnis der Kirche, lässt den Vorschlag Don Giussanis voller Leben, immer neu und fähig sein, auch die neuen Generationen in jeder Kultur und in jedem Winkel der Welt zu wecken.
Am Ende meiner Predigt möchte ich euch eine Reflexion über das “Innenleben” von Don Giussani anbieten, die für jeden von uns nützlich sein kann, um mit Ernsthaftigkeit und Intensität die beginnende Fastenzeit zu leben. Wie wir wissen, hat er sich von Kindheit an von Christus völlig mitreißen lassen: seine Erzählungen als Seminarist zeigen uns das sehr deutlich. Als Junge gründete er zusammen mit seinen Kollegen im Seminar die Zeitschrift Christus; später gründete er die Gruppe Studium Christi. Er wollte alles ausschließlich im Licht Christi lesen. Seine Position war vielleicht zunächst etwas naiv, doch gleichzeitig war sie kulturell und christlich genial. Er war immer offen für das Ereignis der Gegenwart Christi, das außerhalb von ihm geschah und das ihm entgegenkam. Er ließ sich darauf ein und bot dem Herrn die Gabe seiner Sensibilität, seines Temperaments und seiner Intelligenz an. Mit einem Wort, er hat sich selbst ganz geopfert. Diese bescheidene und dramatische Offenheit war zweifellos die Stärke von Don Giussani. Hierin lag seine Größe und seine menschliche Weite. Doch da er gleichzeitig die Freiheit und die Demut besaß, sich ständig dem Licht Christi auszusetzen, behielt er ein hochdramatisches Bewusstsein für seine Grenzen und Sünden. Er ging fast täglich zur Beichte. Dies ist der Funke der Heiligkeit: ein kontinuierlicher Weg der Askese, der Buße, des Gebets und des sakramentalen Lebens. Die Freiheit, sich selbst und ohne Zensur vor Gott zu sein, und die Bereitschaft, sich durch das Wirken des Geistes verändern zu lassen, indem man die eigene Kleinheit und Bedürftigkeit erkennt, ist die Quelle der Freude und der Positivität im Leben. Nur wenn wir uns selbst als Sünder erkennen, können wir die Vergebung Christi empfangen und so in ihm den Messias erkennen. Sicherlich steht im Mittelpunkt der Pädagogik von Don Giussani die Betonung des Christentums als Ereignis absoluter Positivität und Freiheit. Aber dieser positive Blick ist nicht naiv und weiß, dass es Arbeit und viele Opfer braucht, um sich durchzusetzen. Tatsächlich drängt uns Jesus, unseren Blick und unsere Absichten zu reinigen und unsere Projekte und unsere Ideen hintanzustellen, damit der einzige “dominante Gedanke” Er sein kann.
Liebe Brüder und Schwestern, Don Giussani war ein Liebhaber und Sänger der Menschheit Jesu. Wir müssen ihm für seine Lehre dankbar sein, aber vielleicht noch mehr für sein Beispiel. Mit seinem Leben zeigt er uns die Freundschaft mit Christus als Weg zur vollen Verwirklichung des Menschen. Diese Freundschaft ist der kostbare    Schatz, für den es sich lohnt, seinen ganzen Besitz aufzugeben (vgl. Mt 13,44), das heißt das Opfer anzunehmen, sich anzuvertrauen und sich zu bekehren, um immer mehr seinem göttlichen Freund ähnlich zu werden. Amen.

Predigt zur Messe anlässlich des XIV. Todestages von Don Giussani und zum XXXVII. Jahrestag der päpstlichen Anerkennung der Fraternität von Comunione e Liberazione. Basilika von San Prospero, 21. Februar 2019.  

 

(photo Elio e Stefano Ciol).

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