Ein bewusstes Familienleben zu führen ist in unserer Gesellschaft nicht leicht. Als entscheidend erweist sich ein geglückter Ausgleich zwischen den Anforderungen des Berufslebens und den Bedürfnissen der Familie. Welche Prioritäten soll man da setzen? So wenig sich unser Leben nur in der Familie verwirklichen kann, so wenig kann es das durch eine Berufstätigkeit. Einem dieser beiden Aspekte einen absoluten Vorrang zu geben, wäre fatal. Aber wie oft geschieht das! Für viele Menschen ist nicht so sehr die Familie entscheidend, sondern es sind die Emotionen, die sie unstet von einer Beziehung zur nächsten eilen lassen. Andere dagegen lassen sich so sehr vom Beruf bestimmen, dass das zum Ende jeder gefühlsmäßigen Beziehung führt. Es gibt sogar Theorien, die sagen, dass Bindungen der Freundschaft und Liebe nicht gepflegt werden sollten. Wie oft hört man schließlich von Frauen, die wegen einer Schwangerschaft ihren Arbeitsplatz verlieren. Das ist der unüberbietbare Ausdruck des gnadenlosen Vorrangs, den in unserer Gesellschaft die Berufsarbeit gegenüber den Beziehungen und vor allem gegenüber den dauerhaften Beziehungen hat. Aber auch ohne solche Extreme wird deutlich, dass ein Gleichgewicht immer schwer zu finden ist.

 

Für eine ausgewogene Reihenfolge, die keinen wesentlichen Aspekt des menschlichen Lebens ausschließt, braucht es vor allem die Antwort auf eine Frage. Das ist die Frage nach der eigenen Berufung. Wozu bin ich berufen? Die Antwort darauf wird sich am Ende als befreiend erweisen, denn jede echte Berufung ist insofern umfassend, als sie alle Neigungen des Menschen einschließt und wert-chätzt. Jede wahre Berufung trägt alle anderen Berufungen eines Menschen in sich. Welche Berufung will man also leben? Für die Verheirateten ist die Ehe die erste Berufung, und alles andere im Leben wird dann im Licht der Familie beurteilt. Einige praktische Hinweise können helfen, der Berufung zur Familie den angemessenen Platz zu geben.

 

Gemeinsam entscheiden

Vor allem gilt es, gemeinsam mit dem eigenen Ehepartner den zeitlichen Umfang für die berufliche Arbeit zu bestimmen. Über Art und Umfang der beruflichen Arbeit sollte man nicht selbständig entscheiden. Natürlich kann man nicht alle Einzelheiten gemeinsam klären. Aber die Ehe ist ja eine tiefe und umfassende Gemeinschaft. Und alle die Familie betreffenden Fragen müssen gemeinsam angegangen werden. Das ist riskant. Aber es ist ein Risiko im Rahmen einer wirklich gelebten Gemeinschaft.

Das gilt für Fragen des Berufes, wie für die Wahl der Schule der Kinder oder die Erziehungsmethoden; es gilt für das, was man den Kindern erlaubt oder verbietet, wie für die Anschaffung eines Autos oder der neuen Küche. Entscheidungen, die den Familienalltag betreffen, können zusammenoder auseinanderführen, Gelegenheit zu einem tieferen Dialog oder Grund für Zerwürfnisse werden. Man muss also lernen, gemeinsam zu entscheiden, indem man aufeinander hört, die Meinung des Anderen aufrichtig wahrnimmt und die Argumente prüfend miteinander vergleicht.

Auch die Kinder haben ihren Platz in diesem gemeinsamen „Aufbau“ der Familie. Die Eltern müssen ihre Entscheidungen im Lauf der Jahre immer mehr auch im Blick auf ihre Kinder treffen. Wenn sie keine Zeit für ihre Kinder haben, führt das für diese zu einer sehr schweren Zukunft. Wie wichtig ist es, dass ein Vater Zeit findet, um mit seinen Kindern zu spielen, dass Eltern die sich bietenden Gelegenheiten nützen, um mit ihren Kindern zu reden, einfach mit ihnen zusammen zu sein, gemeinsam zu lachen und zu weinen.

Die Beziehungen zu anderen Familien sind ein weiterer wichtiger Aspekt. Niemand darf sich isolieren. Die Neigung, sich im eigenen Selbstverständnis abzukapseln, folgt letztlich daraus, dass man Gott aus dem eigenen Leben ausschließt. Man gibt sich dann sowohl als Einzelperson, wie als Ehepaar oder Familie, der Täuschung hin, alles alleine machen zu können. Man meint, genug Kräfte und Fähigkeiten für die Verwirklichung der eigenen Vorstellungen zu haben. Das ist auch oft der Grund für das Abbrechen der Beziehungen zu anderen Familien. Sich nicht zu isolieren bedeutet natürlich nicht, dass man alles und jedes mit den Freunden beschließt und damit vielleicht sogar die eigene Verantwortung auf andere abwälzt. Aber es gibt einen Weg des Wachstums, den man in einer Gemeinschaft zusammen gehen kann. Dabei kann man sich auch von jemandem mit einem wacheren Bewusstsein für das Ideal des Lebens an die Hand nehmen lassen, dem man folgen möchte, vielleicht auch einer Familie unter anderen Familien.

 

Das Gebet

Gemeinsam zu entscheiden bedeutet nicht nur, die Beziehung zum eigenen Ehepartner ernst zu nehmen. Es geht vor allem um die Offenheit für Gott und darum, dass man Entscheidungen im Bewusstsein der Nähe Gottes trifft. Einer der Hauptgründe für das Zerbrechen von Familien ist sicherlich, dass Gott aus dem Leben ausgeschlossen wird; vielleicht nicht theoretisch, aber doch in der Praxis. Gott scheint im Grunde mit dem Alltag nichts zu tun zu haben, sein Vorhandensein ohne Wirkung und ohne Zusammenhang mit dem konkreten Leben. Man denkt höchstens an Gott, wenn man sich Gedanken über die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst oder an irgendwelchen religiösen Aktivitäten macht.

Das Gebet hilft, Gott in den alltäglichen Ereignissen zu finden. Eine Familie, die nicht miteinander betet, wird kaum zu einer wirklichen Einheit und authentischen Gemeinschaft kommen. Sie wird sich auch schwer tun, die Schwierigkeiten des Lebens zuversichtlich anzugehen. An Christus zu denken oder im Gedächtnis an Christus zu leben, gibt dem Leben einen festen Grund. Don Giussani, der Gründer unserer Gemeinschaft, hat diesbezüglich oft von einer „Spannung“ gesprochen. Damit meinte er, dass das Bewusstsein der Gegenwart Jesu Christi in unserem Leben in dem Maß zu einer Wirklichkeit wird, indem man sich darum müht. Im Lauf der Zeit wird dieser Gedanke immer mehr zu einer dauernden alltäglichen Haltung.

Es kann hilfreich sein, am Morgen einen Psalm oder einige Psalmverse zu beten. Während der Mittagspause kann man einige Augenblicke in die Kirche gehen und nachmittags oder abends etwas lesen, was den Glauben vertiefen kann. Solche konkreten Dinge lassen das Gedächtnis an Christus immer nachdrücklicher leben. Vielleicht genügt manchmal auch ein kurzer Blick auf ein Foto der eigenen Frau oder des eigenen Mannes, um sich wieder dessen bewusster zu werden, wer man ist und wer Gott ist. Vielleicht helfen auch einige Zeilen eines Gedichtes, das das Herz berührt. Entscheidend sind feste Augenblicke im Tagesablauf, um an Christus zu denken. Wenn Gott fern zu sein scheint, sollten sie häufiger werden. Don Giussani sagte, dass der Gedanke an Christus zu einer Gewohnheit werden muss. Das geschieht, wenn das Gebet immer regelmäßiger gesucht wird. Wenn Gebetszeiten weit auseinanderliegen, wird es schwieriger, im dauernden Gedächtnis an Christus zu leben. Nicht umsonst empfiehlt die Kirche, das Morgenlob (die Laudes) und das Abendlob (die Vesper) zu beten und vor dem Schlafengehen das Nachtgebet (die Komplet). Das hilft nicht nur Priestern, die sich zu diesem „Stundengebet“ verpflichtet haben, sondern allen Christen. Wird nämlich das Gedächtnis Christi intensiviert, wird auch die Gegenwart Jesu Christi immer bewusster. Schließlich erinnern auch die Augen eines Kindes, ein Sonnenaufgang oder eine Blume an Gott.

 

Das notwendige Opfer

Entscheidend wichtig für die Familie ist das Verständnis der Karriere. Fern von jedem Moralismus ist der Versuch ganz legitim, im beruflichen Leben voranzukommen. Allerdings bedeutet ein beruflicher Aufstieg häufig mehr Einsatz bei der Arbeit, sowohl hinsichtlich der Zeit, als auch was die größere Verantwortung betrifft. Entscheidungen für die berufliche Karriere sind daher ganz behutsam zu treffen, weil sich ihre Folgen positiv wie negativ stark auf das Familienleben auswirken.

Natürlich geht es bei der Karriere der Eltern um finanzielle Aspekte für das Familienleben. Aber um ein gewisses Opfer kommt man nicht herum. Eine Familie kann ohne bewussten Verzicht kaum wachsen! Die Geburt eines Kindes hinterfragt ja schon den eigenen Lebensstil, genauso die Anstrengungen für den Besuch einer guten Schule oder einige gemeinsam verbrachte Ferientage mit anderen Familien, mit denen man den Alltag teilen will. Vielleicht muss man etwas seltener zum Friseur gehen oder nur einen Pullover statt drei kaufen.

Will man immer das haben, was alle anderen haben, verliert das Familienleben schnell an Intensität und Tiefe. Auch hier geht es nicht um eine moralistische Betrachtung des Reichtums. Es geht um das Reifen von Entscheidungen, die tiefer sind als die, die man gewöhnich trifft. Die heutige Zeit zwingt dazu, wesentlich zu werden. Dessen muss man sich bewusst werden, denn ein „wesentliches“ Leben, bei dem man auf das setzt, was wirklich zählt, wird zu einem starken Zeichen der Christen in der Gesellschaft.

 

Die Kinder gehören nicht uns

 

Schauen wir zum Schluss auf den schwierigen Erziehungsweg, den die Eltern bei der Begleitung ihrer Kinder Tag für Tag gehen müssen. Sie sind nicht die Herren ihrer Kinder! Sie müssen auch akzeptieren, dass die Wege der Kinder anders sind, als sie es sich vorgestellt und gewünscht haben. Ein letzter tiefer Horizont des Friedens für das Leben einer Familie ist wünschenswert, aber man kann nicht damit rechnen, dass die kleine Geschichte der eigenen Familie oder die große Geschichte der Welt sich ausgerechnet so entwickeln, wie man das selbst gerne hätte. Das Leben wird nicht von den eigenen Vorstellungen oder Einsichten bestimmt.

Den Willen Gottes annehmen ist dabei nicht ein zynisch oder träge begründeter Verzicht. Vielmehr geht es darum, den Heilsplan Gottes zu entdecken, der die eigenen Vorstellungen übersteigt. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege“, sagt der Prophet Jesaja (55,8) im Alten Testament. Das zu begreifen und es anzunehmen ist alles andere als leicht, vor allem in der Beziehung zu den Personen, die man gerne hat und mit denen man sich tief verbunden weiß. Die Tiefe der Zuneigung vervielfacht dabei das Unwohlsein und die Mühe. Manchmal ist man so davon überzeugt, dass die eigenen Vorstellungen dem Wohl der geliebten Personen entsprechen, dass man kaum verstehen kann, wie sie selbst es nicht auch erkennen. Deshalb muss man sich Tag für Tag um eine neue und realistischere Sicht bemühen, die man sonst immer wieder zu verlieren droht. Das gelingt nur im Dialog mit Gott. Das Gebet hilft, sich daran zu erinnern, dass die Welt nicht nach der eigenen Pfeife tanzt, und lässt sogar erkennen, dass Gott das Böse zulassen kann, um des Guten willen.

 

Die Gründe für ein Ja oder Nein

Welche Grenze gibt es im Blick auf eine gute Erziehung der Kinder zwischen einem angemessenen Entgegenkommen und einer notwendigen Korrektur? Bis zu welchem Punkt muss man den eigenen Kindern bei eigentlich unakzeptablen Forderungen entgegenkommen, und wann muss man Nein sagen? Es gibt keine abstrakte, in jeder beliebigen Situation anwendbare Regel. Es kann keine vorgefassten Regeln geben, denn man hat ja die eigenen Kinder vor sich. Wichtiger als vorgefertigte Regeln sind das offene Gespräch und eine gefühlsmäßige Beziehung zu ihnen, die sich im Lauf der Zeit vertieft. Die Gesten und die Zeichen sind dabei wichtig.

Wenn Vater oder Mutter jede Woche sieben Tage von morgens bis abends außer Haus verbringen und ihre Kinder vor den Bildschirm setzen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sich diese Kinder später schwer tun, gerne am Familienleben teil zu nehmen. Tägliche Ehekrisen beeinflussen unvermeidlich das Wachstum der Kinder und die Beziehung zwischen den Generationen. Bei der Erziehung der Jugendlichen stellt sich vor allem die Frage, welche gefühlsmäßigen Erfahrungen sie machen, von wem sie sich angenommen und geliebt wissen und von wem verraten, welche Streitereien und Diskussionen sie erleben und welchen Enttäuschungen sie begegnen.

Oft erklärt sich der Zynismus vieler Jugendlicher aus einer unerträglichen Situation in ihrer Familie, wenn sie geprägt ist von einer oberflächlichen, kalten und unmenschlichen Beziehung zwischen den Eltern. Natürlich ist das Leben nichts Mechanisches, und ein Kind wird nicht automatisch zum Vandalen oder apathisch und ohne Ideal, wenn ein Elternteil die Familie verlässt. Es ist aber mehr als deutlich, dass sich in vielen Familien Tag für Tag eine größere Leere ausbreitet. Daran muss man auch denken, wenn es um die Folgen der Leihmutterschaft oder um die Möglichkeiten der Gentechnik geht: Was wird aus den Kindern, die so auf die Welt kommen? Ist es wirklich denkbar, dass das Zerreißen der biologischen Linie zwischen Eltern und Kindern folgenlos bleibt?

Die Schwierigkeiten der Kinder sind oft eine Anfrage an die Art und Weise, wie die Eltern als Ehemann und Ehefrau, als Vater und Mutter leben. Die Probleme, die es immer geben wird, brauchen nicht zu deprimieren, sondern sie sollen provozieren. Selbst wenn eine Situation unerträglich zu sein scheint, muss man nicht verzweifeln. Auch etwas, das unwiderruflich verloren zu sein scheint, wird vielleicht nur momentan infrage gestellt, um später neu begriffen werden zu können. Daher Mut zur Geduld! Ein Nein, das unter bestimmten Umständen zu einer schrecklichen Reaktion führen könnte, kann vielleicht einige Monate später dankbar akzeptiert, verdaut und vielleicht sogar geschätzt werden.

Auf keinen Fall darf man sich durch Wutausbrüche der Kinder erpressen lassen. Manches Nein muss gesagt sein, auch wenn es riskant ist. Der Groll der Kinder darf Eltern nicht zum Nachgeben verleiten, sondern sollte sie eher drängen, ihr Handeln so gut wie möglich zu erklären, und die Gründe für ihr Ja und ihr Nein einsichtig zu machen.

 

Gemeinsam erziehen

Die Schwierigkeiten beim Dialog, die manchmal in einer Familie entstehen, können Eltern daran erinnern, dass sie nicht die einzigen Erzieher ihrer Kinder sind und sein können. Es ist auch wichtig, die Freunde der eigenen Kinder zu kennen und auch für deren Freundschaften zu beten. Eine wahre Freundschaft entscheidet vielleicht schon die Hälfte der Qualität des Lebensweges eines Menschen. Die Clique hat einen enormen Einfluss auf die Jugendlichen, ebenso wie die Medien, das Fernsehen und vor allem das Internet. Viele Reaktionen der Kinder sind von Faktoren außerhalb der Familie bestimmt, die immer stärker werden. Das unterstreicht die Bedeutung anderer Familien. Um gut zu erziehen, braucht man jemand, mit dem man sich austauschen, beraten und gegenseitig unterstützen kann. Papst Franziskus sagte einmal: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf.“ Man muss langfristig denken. Eltern dürfen nicht nur auf das Unverständnis oder den Aufstand eines Abends oder einer bestimmten Zeit im Leben ihrer Kinder achten, sondern sollten auf einen monateund jahrelangen Dialog setzen. Sie müssen vor allem auch die Mitarbeit von anderen suchen, von

Gleichaltrigen oder besser noch von Erwachsenen, die im Lauf der Zeit immer wichtiger für die Kinder werden. Und schließlich müssen sie Wege suchen, ihre Kinder zu begeistern und in Bewegung zu setzen, indem sie in ihnen eine Leidenschaft entzünden helfen, die sie fesseln kann.

[Auszüge aus der Mitschrift einer Begegnung von Bischof Massimo Camisasca mit einer Gruppe von Familien.]

(Pfarrangehörige der Pfarrei „Nuestra Señora de las Aguas“ in Bogotá, Kolumbien)

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