Im September 2017 kamen wir in England an. Der Bischof mich als Pfarrvikare in eine Pfarrei in Woodley geschickt, eine Stadt mit etwa 35.000 Einwohnern, 50 km von London entfernt. In den ersten Tagen ging es uns nicht so sehr um das, was wir selber machen konnten. Wir wollten vielmehr darauf aufmerksam sein, wie Gott um uns herum schon am Wirken war.
Am Tag unserer Ankunft haben wir um vier Uhr nachmittags die Heilige Messe in der Marienkapelle der Pfarrkirche gefeiert. Wir haben uns hier sofort zu Hause gefühlt. Auch wenn die Worte anders klingen (ab und zu lächeln die Gottesdienstbesucher über unsere Aussprache), so sind doch die Gesten der Messe und vor allem die Gegenwart Jesu in der Eucharistie dieselben. Jesus hat auch hier auf uns gewartet. Unsere nächste Sorge galt unserer Wohnung. Wir haben die verschiedenen Räume jetzt so eingeteilt, dass einige Bereiche dem Studium, andere dem Gebet, dem gemeinsamen Essen oder der Entspannung dienen. Wir waren auch bei IKEA (und auch hier haben wir uns ein wenig zu Hause gefühlt!) und haben das Notwendigste gekauft, vor allem einige zusätzliche Bücherregale und Kleiderschränke. Dann haben wir die „Regel“ für unseren Tagesablauf fest- gesetzt. In der Frühe beten wir gemeinsam das Morgenlob (die Laudes), danach haben wir eine Stunde der Stille für die persönliche Betrachtung, die wir mit dem gemeinsamen Gebet der Sext beschließen. Der Montag ist unser „Tag des Hauses“. Nach der 9.30-Uhr-Messe schauen Raffaele und ich uns etwas Schönes in der Umgebung an. Nachmittags folgt das „Treffen des Hauses“, bei dem wir uns gegenseitig die wichtigsten Ereignisse erzählen und bei dem wir auf das schauen, was in der kommenden Woche ansteht. Wir haben auch schon die ersten Leute in der Pfarrei kennengelernt. Besonders beeindruckt hat mich eine Mutter, die viel für die Gemeinde tut: Sie kümmert sich um die Sakristei, putzt die Gemeinderäume, verteilt nach dem Gottesdienst das wöchentliche Mitteilungsblatt, und das alles ganz umsonst! Eines Morgens bereitete sie gerade den Tee für ein Treffen im Pfarrbüro vor. Bei dieser Gelegenheit fragte ich sie nach dem Grund ihrer großen Verfügbarkeit. Sie hielt einen Moment inne, stellte die Tassen ab und begann zu erzählen. „Ich mache das alles so gerne, weil für mich das Katholischsein so wichtig ist, wichtiger als meine Kinder, mein Mann und die Arbeit.“ Sie hat genau diese Worte gebraucht: “I’m proud to be Catholic.” Ich fragte sie, wie sie katholisch geworden war. „Meine Familie ist anglikanisch. Vor meiner Geburt suchte meine Mutter ein Krankenhaus, ohne eines zu finden. Sie fuhr durch die ganze Stadt, wie die Muttergottes bevor Jesus zur Welt kam…“ Wir lachten. Ich versuchte mir diese Szene vorzustellen: Bethlehem in einer modernen Stadt. „Das einzige Krankenhaus, das sie fand, war katholisch. Ich bin die einzige meiner Familie, die dort geboren wurde.“ Sie hielt einen Moment inne, dann erzählte sie weiter: „Die Jahre vergingen und ich fühlte, dass mir etwas fehlte. Da war so ein Loch. In mir wuchs eine Sehnsucht nach etwas, das ich vermisste. Eines Tages geriet ich in eine katholische Kirche, und seit damals habe ich sie nicht mehr verlassen. Als ich 35 Jahre alt war, bat ich um die Taufe, und heute ist die katholische Kirche mein ganzes Leben.“ Es fehlte aber noch etwas von ihrer Geschichte: „Wissen Sie, warum ich täglich zur Messe komme?“ fragte sie. „Ich bin eine Sünderin. Ich brauche die heilige Messe und könnte ohne sie nicht leben. Mir ist aufgefallen, wie Sie die Messe feiern. Man sieht, dass die Hauptperson in der Messe Jesus ist und nicht Sie.“ Ich erklärte ihr, dass wir aus genau diesem Grund das Kreuz mitten auf den Altar stellen wollten, zwischen Priester und Gläubige, damit wir gemeinsam auf den Gekreuzigten schauen können. Und ich dachte wieder an die Worte aus der Regel des heiligen Benedikt, die uns bei diesem Neuanfang begleiten: „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden.“

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