Jenen, die leiden, nah sein und dabei entdecken, dass der Schmerz ein Geheimnis ist, welches gemeinsam mit Gott zu leben ist. Ein Zeugnis aus Kenia.

Die letzten beiden Augustwochen hier in Nairobi sind nicht besonders an- strengend. Viele Menschen sind in ihre Dörfer zurückgekehrt, die Schulen sind immer noch geschlossen, die Aktivitäten der Gemeinden sind wie in eine Art Winterschlaf versetzt. Ich nutze die Gelegenheit, um in der Krankenstation vorbeizuschauen. Ich möchte die Mitarbeiter begrüßen, die ich nach meiner Rückkehr aus Italien noch nicht wiedergesehen habe, und sehen, wie die Stimmung ist.
Alice bittet mich, zusammen mit Grace und Domiano eine kranke Person zu besuchen, die ein paar Blocks entfernt wohnt.
Wir erreichen das Haus in zehn Minuten. Am Eingang gibt es Ziegel und Schutt, es herrscht Grau. Es sieht aus wie eine Baustelle. Nur ein Baum mit roten Blüten durchbricht die Monotonie.
Sophia liegt bewusstlos im Bett. Ihre Hände sind geschwollen. Sie atmet schlecht, sehr schlecht. Sie ist 30 Jahre alt und hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie sagten ihr im Krankenhaus, dass man ihr nicht mehr helfen könne, dass es besser sei, die letzten Tage zu Hause zu verbringen. Es gibt einen Krankenpfleger, der sie mit einer fast mütterlichen Sorge im Auge hält. Sein Name ist Samuel. Seine Schwester und seine Großmutter helfen ihm dabei. Im anderen Raum sehen drei Kinder fern. Der Älteste ist in der dritten Klasse. Von den Dreien ist er der Einzige, der zu verstehen scheint, was mit seiner Mutter passiert.
Ich stehe am Bett und lasse mir erzählen, wie die Behandlung verläuft, welche Schritte unternommen wurden und welche Medikamente einzunehmen sind. Ich meine, ich versuche, um Informationen zu bitten, die mehr oder weniger sinnvoll sind. Sie antworten mir. Und dann gibt es nichts mehr zu sagen. Ich schaue auf Sophia, die jeden Augenblick einen weiteren Atemzug aus dem Leben nehmen zu wollen scheint, und dann noch einen weiteren und noch einmal. Es scheint mir, Jesus am Kreuz zu sehen, wie er auf die Umarmung des Vaters wartet. Ich schaue sie immer noch an, während ich mit der Hand über ihre Stirn streiche. Ich frage, ob sie mit mir beten wollen. Ich sage ihnen, dass Gott uns nicht gelehrt hat, dem Schmerz zu begegnen, sondern dass er sein Kreuz nahm und es bis zum Ende trug; dass Schmerz kein Geheimnis ist, das offenbart werden muss, sondern dass mit ihm gelebt werden muss. Wir beten gemeinsam. Dann segne ich sie.
Ich habe weder Silber noch Gold, aber was ich habe, biete ich dir an: Im Namen Jesu, steh auf und geh. Der heilige Petrus lehrte uns an diesem Tag, was das Priestertum ist: den Namen Jesu zu anzubieten.
Das ist unsere Aufgabe, das ist unser Stolz, das ist die Quelle unserer Dankbarkeit. Den Namen Jesu anzubieten. Das Geheimnis, das uns verbindet, wieder in die Mitte zu stellen. Und zu bleiben. Zusammen vor ihm zu stehen, in der Gewissheit, dass eine größere Hand uns aufrichtet.
Drei Tage später starb Sophia. Die Großmutter schrieb an Alice und dankte ihr.

 

(Luca Montini, 31 Jahre, befindet sich in Mission in unserer Niederlassung in Nairobi, Kenia. Auf dem Foto: Eine Begegnung in der Krankenfürsorgeeinrichtung der Pfarrei des Hl. Josef, welche der Priesterbruderschadt des Hl. Karl anvertraut ist)

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