Das Böse, das wir tun, ist nicht das Maßstab unseres Lebens.

Als ich das erste Mal den Bereich der Volljährigen im römischen Jugendgefängnis betrat, begegnete mir ein junger Roma. „Ich kenne dich!“, rief er mir zu. „Ich habe dich schon einmal gesehen!“ Ich war überzeugt, dass er mich auf den Arm nehmen wollte. Aber er wiederholte: „Ja doch, ich habe dich schon einmal gesehen. Am Petersplatz vor ein paar Jahren!“ Der Jugendliche erzählte noch einige Details dieser mysteriösen Begegnung: „Ihr wart alle Deutsche, eine kleine Gruppe. Unter euch war auch ein Priester. Ihr seid mit einem gemieteten Kleinbus gekommen, mit einem deutschen Kennzeichen.“ Langsam bemerkte ich, wieviel Wahres in den Worten dieses Jugendlichen steckte. Tatsächlich hatten wir im Jahr 2013 ein paar Ferientage mit einigen Studenten aus Deutschland verbracht und waren zum Abschluss nach Rom gefahren, um an der Priesterweihe der Bruderschaft teilzunehmen. Danach wollten wir noch zum Angelusgebet des Papstes auf dem Petersplatz. Und um anschließend zügig losfahren zu können, hatten wir unseren Kleinbus mit dem ganzen Gepäck in der Nähe des Vatikans geparkt. Nach dem Gebet des Papstes gingen wir zu unserem Fahrzeug zurück. Ein Seitenfenster war eingeschlagen; viele Dinge aus unserem Gepäck waren gestohlen. Ich erinnerte mich noch gut an diesen Tag. Zuerst waren wir richtig wütend gewesen, aber nach einigen Stunden Fahrt Richtung Heimat hatten uns die schönen Eindrücke der ganzen Reise unseren Ärger vergessen lassen.

Drei Jahre später schloss der Jugendliche im Gefängnis seine Rede mit den Worten: „Ihr habt damals viele schöne Sachen verloren, nicht wahr?“ Jetzt, da ich verstanden hatte, wovon er sprach, wusste ich nicht so recht, wie ich mich in dieser absurden Situation verhalten sollte. Ich beschloss also, so zu tun, als wäre nichts gewesen. „Wie kommt es, dass du dich heute noch daran erinnerst?“ fragte ich ihn. Er sagte, es sei sein erster Diebstahl gewesen; er hätte Schmiere stehen müssen, während seine Cousins unsere Sachen stahlen. Er versuchte noch einmal, mich zu provozieren; er wollte mich ärgern. Ich stellte weiter meine Fragen. Ich fragte nach seiner Familie und danach wie er sich seine Zukunft vorstelle. In seinem Gesicht drückte sich langsam Überraschung aus. Er verstand, dass ich ihm verziehen hatte und dass – vielleicht zum ersten Mal – das Böse, das er getan hatte, nicht das letzte Wort behalten sollte. Ihm ging auf, dass unsere Beziehung nicht von dem abhing, was er Schlechtes getan hatte. Im Lauf der Zeit wurden wir Freunde. Die Zeit, die wir noch bis zu seiner Haftentlassung miteinander verbrachten, hat uns einander nahe gebracht.

Das war das Schöne an diesem caritativen Projekt: Wir konnten diesen Jugendlichen zeigen, dass auch sie geliebt sind, trotz aller ihrer Schlechtigkeit. Und ich musste mich – bevor ich ihnen diese Neuheit bringen konnte – daran erinnern, dass auch ich selbst zuerst geliebt worden bin. Ich war schon gerufen und geliebt und mir war daher schon vergeben worden.

 

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