Auszug aus der Predigt von Bischof Massimo Camisasca zur Chrisam-Messe 2019.

Liebe Priester und Diakone,
liebe Brüder und Schwestern,

als Erstes möchte ich dem Herrn danken, der uns jedes Jahr die Gelegenheit schenkt, am Gründonnerstag „unseren Tag“ zu feiern. Was wir jetzt erleben, ist für mich wirklich ein „evangelischer“ Moment. Genau wie damals, als Jesus zu den Aposteln sagte Kommt, lasst uns ein wenig ausruhen (vgl. Mk 6,31), lassen wir für einen Augenblick die stressigen Aktivitäten des Alltags und finden wir etwas Ruhe. Wo können wir besser ausruhen, liebe Brüder, als an der Brust Jesu (vgl. Joh 13,25), in der Eucharistie? Während des Tages sollte die Eucharistie der Moment der größten Ruhe sein. Leider wissen wir, dass dies nicht immer der Fall ist. Auch der Bischof weiß das. Manchmal gehen wir zur Messe und sind noch mit vielen Dingen im Kopf beschäftigt, mit vielen Dramen konfrontiert und durch zu viel Arbeit belastet…. und kommen aus der Messe heraus, wie wir hineingegangen sind.

Die Feier der Heiligen Messe sollte der Höhepunkt unseres Tages und, wenn wir sie mit der uns anvertrauten Gemeinschaft feiern, der Höhepunkt unserer Woche sein. Es sollte auch ein gut vorbereiteter Moment, in dem wir alle unsere Erwartungen, Bitten und Fragen einbringen und auch die der Menschen, die zu uns kommen. Es ist tatsächlich ein „kosmischer“ Moment, in dem aus den dunklen Bereichen der Menschheit der Ruf zu Gott steigt: Rette uns! (vgl. Ps 44,27). Tatsächlich hat die Eucharistie in sich die Kraft, die schwarzen Löcher des Lebens durch das strahlende Licht der Auferstehung zu verwandeln.

Helfen wir uns gegenseitig alle dabei, der Bischof zuerst, uns kurz- und langfristig auf die Messfeier vorzubereiten und dieses ite missa est („gehet hin in Frieden“) zu leben. Die Messe muss in unseren Alltag eindringen. Und das geschieht sicherlich nicht, indem wir die Messen vervielfachen, sondern durch die Wandlung des Lebens gemäß der vielfältigen Gnade, die uns in der Messe geschenkt wird: die Gnade des Schuldbekenntnisses und des Gloria, die Gnade der Schriftlesungen, der Gabenbereitung, der Wandlung, der Gemein­schaft und der Sendung.

Die Feier der Messe sollte wirklich ein Ruhepunkt für jeden von uns sein! Ab und zu seht ihr mir müde und überanstrengt aus. Ich frage mich dann, was ich tun kann, nicht so sehr, um diese Müdigkeit zu verringern, sondern um euch zu helfen, sie hinzugeben und im Glauben und in der Gemeinschaft zu leben, in dem Wissen, dass Gott auch und vor allem durch unsere Opfer, die wir freudig bringen, seinen Leib aufbaut.

Ich weiß, dass ihr eine große und vielfältige Verantwortung habt: mit den Menschen zu sein, an den Leiden des Volkes Gottes teilzuhaben, sich mit der Ideologie der Welt und der radikalen Glaubenskrise aus­einander­zusetzen. Christus hat uns nicht für die Arbeit in einer idealen Welt oder in einer idealen Kirche berufen. Er hat uns für diese Welt, für diese Kirche berufen! Er hat uns berufen, weil er weiß, dass durch uns viele Menschen erreicht werden und sein leuchtendes Gesicht entdecken können! Er hat uns berufen, seine Vermittler und seine Ikonen zu sein: ganz durchsichtig auf ihn hin. Er hat auch uns berufen, die wir aus Erde gemacht sind, mit all unseren Schwächen… War es nicht Jesus selbst, der mit dem Psalm betete: Ich bin ein Wurm und kein Mensch mehr (vgl. Ps 21,7)? Aus diesem Grund können wir, die wir uns der ganzen Wehrlosigkeit seiner Erniedrigung bewusst sind, in unserer Armseligkeit sagen: „Ja, Vater, ich bin ein Wurm, kein Mensch. Doch gerade deshalb hast du mich auserwählt, um auf diese Weise an der großen Sendung deines Sohnes teilzunehmen, damit die Menschen ihn kennenlernen können.“

Ich möchte euch auf drei wichtige Wege für unsere dauernde Erneuerung hinweisen: das Stundengebet, das Messbuch mit den Gebeten und das Lektionar mit den Lesungen für die Messfeier. Gebet, Messe und Betrachtung halten uns fest mit Christus verbunden. Diese Schätze, die die Kirche in unsere Hände legt, lassen uns in die Allmacht des Gebets eintreten, das sogar verändern kann, was Gott beschlossen hat. Was für ein Geheimnis! Gott beugt sich dem Schrei des Kindes, der Witwe, des Priesters, des Leidenden, des Menschen überhaupt. Gott kann dies tun, weil er Person ist, weil er ein Liebhaber ist, und weil er frei ist. Wir können ihn um alles bitten, weil wir Personen, Liebhaber und frei sind. In diesem geheimnisvollen Dialog zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Gott, abyssus invocat abyssum, wie es im Psalm (vgl. Ps 42,8) heißt, ruft der Abgrund den Abgrund: Der Abgrund der Freiheit Gottes lässt sich vom Abgrund der Freiheit des Menschen rufen. Das ist das Stundengebet.

Eine weitere Form der Hilfe, die ich euch empfehlen möchte und die die Kirche uns in aller Einfachheit anbietet, ist die eucharistische Anbetung. Sie war die „Universität meines Lebens“: Durch sie lernte ich die Stille, die Theologie der Geschichte. Wer führt die Welt? Trump, Macron, Merkel? Nein. Die Welt wird von diesem kleinen und wehrlosen Stück Brot geleitet, das nicht zu sprechen scheint. Im Maß unserer Vertrautheit mit Ihm spricht die Eucharistie ständig zu uns und offenbart uns grenzenlose Horizonte, die wir in unseren alltäglichen Mühen nicht einmal zu erkennen wissen.

Während der eucharistischen Anbetung können wir die Horizonte des Universums, die allumfassende Liebe des Vaters und seines Beugens über die Höllen der Welt entdecken, um das Volk zu seinem Gesicht und seinem Kuss aufzuheben. Ja, küss mich, Herr, mit den Küssen deines Mundes, so heißt es im Hohelied der Liebe (vgl. Hld 1,2). In der Eucharistie und in der eucharistischen Anbetung küsst Er ständig unsere Menschheit und bringt uns zurück zur bräutlichen Erfahrung unseres Priesterseins.

Können nicht all diese Wege die Brüderlichkeit unter uns stärken? Durch die Vertiefung unserer Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche entdecken wir, die wir ein Leib und ein Geist sind und die eine Hoffnung haben, wie der heilige Paulus im Brief an die Epheser sagt (vgl. Eph 4,4), dass wir füreinander Glieder sind, weil wir Glieder seines Leibes sind (Eph 5,30).

 

(Bild: Ausschnitt aus dem Gemälde von Raffael Die Disputa des allerheiligsten Sakramentes von 1509 in der Stanza della Segnatura, heute innerhalb der Vatikanischen Museen

Massimo Camisasca

auch lesen

Alle Artikel