Die zu Hause ganz konkret gelebte Gemeinschaft als Herzstück der Mission. Ein Bericht aus Fuenlabrada.

Fuenlabrada ist voller Kinder: Sie tauchen an jeder Ecke auf, sie spielen zwischen den Mietskasernen, sie kommen aus den vielen Schulen in der Stadt gestürmt. Wir sind in der Nähe von Madrid in einer der jüngsten Gemeinden Europas: Mehr als ein Viertel der Einwohner ist im Schulalter. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Priester der Bruderschaft hier auch jung sind: Zu dritt kommen sie etwa auf ein Jahrhundert. Der Pfarrer, Tommaso Pedroli, ist seit 2013 hier. Er ist 34 Jahre alt wie Giuseppe Cassina, der Pfarrvikar, der vor dreieinhalb Jahren kam und die Jugendarbeit leitet. Der „Älteste“ ist Stefano Motta, 36 Jahre alt, Religionslehrer und Kaplan an der Kolbe-Schule in Villanueva de la Cañada. Seit 2015 ist er in Spanien. Vor einigen Monaten schloss sich ihnen der Diakon Francesco Montini an. Alle stammen aus der Lombardei: Sie kommen aus Varese, Meda, Seveso und Brescia. „Dieses Haus besteht aus Personen, die noch ganz unverbraucht sind,“ sagt Pedroli. „Deshalb gibt es unter uns eine große Bereitschaft und einen mit einer großen Leichtigkeit einhergehenden Wunsch zu lernen. Wir sind uns bewusst, dass wir hier etwas Schönes und in einem gewissen Sinn auch Neues aufbauen.”

Das zeigt sich insbesondere in einer neuen und fruchtbaren Beziehung zur Gemeinde. Die Priester der Pfarrei San Juan Bautista haben einen persönlichen und unverwechselbaren Stil. Er drückt sich schon in wenigen Gesten aus, die von der besonderen „Luft“ sprechen, die man hier atmet. Tommaso listet sie gerne auf: „Am Montag das sogenannte ‚Treffen des Hauses‘, ein Moment der absoluten Wahrheit, den wir mit großer Freiheit leben; das gemeinsame Mittagessen, mit wenigen Ausnahmen von Sonntag bis Samstag; wenn uns jemand zum Abendessen einlädt, schlagen wir vor, auch die anderen mitzubringen. Die Menschen nehmen diese Einheit wahr. Es ist sehr schön, wenn dich jemand einlädt, du die Einladung annimmst und dann gefragt wirst: ‚Zu wievielt kommt ihr? Zu dritt, zu viert, zu zweit?‘” Stefano Motta ergänzt: „Die Montagabendmesse feiern wir gemeinsam. Und wir versuchen sicherzustellen, dass der Terminkalender jedes Einzelnen stets mit den anderen abgestimmt wird.“

 

Wegbegleiter

Juana kam vor Jahren auf der Suche nach Arbeit nach Fuenlabrada. Damals lud sie jemand zur Kirche ein. Heute hilft sie bei den Kindern der Mittelstufe mit. „Ich komme aus einer Gemeinde, in der ich viele Dinge getan habe, aber niemand hatte mich jemals gefragt: ‚Wie geht es dir?‘ Hier entstand eine Freundschaft mit Tommaso, und das ist jetzt meine Familie. Die Priester haben den großen Wunsch, Gott zu den Menschen im Viertel zu bringen, ob sie nun nahe oder fern stehen. Ihre Art, es zu tun, hat mich berührt.“

Mercedes aus Madrid ist Apothekerin in einem Krankenhaus. Sie kam 2013 hierher, dank einer Begegnung mit Juan Luis Barge, der früher in dieser Pfarrei gearbeitet hat. „Meine Mutter war zuerst schockiert. Sie hatte Angst. Der bloße Gedanke an Fuenlabrada flößte ihr Furcht ein: viele Einwanderer, eine arme Stadt, sicher gefährlich. Sie änderte ihre Meinung nach einem Weihnachtskonzert. Ich habe noch immer ihr Gesicht vor Augen, sie hat sich nicht mehr beschwert,“ erinnert sich Mercedes. Was ist das Besondere an dieser Gemeinde, frage ich sie. „Es gab einmal ein Buch der Bruderschaft, das hieß ‚Per la Gloria di Cristo‘, also ‚Zur Ehre Christi‘. Das ist ihre Besonderheit: Alles wird aus diesem Blickwinkel getan. Man sieht es. Man lebt es.“

Carmen ist im achten Monat schwanger und erwartet ihre kleine Lucia. „Nach drei Fehlgeburten“, sagt sie, „war ich am Ende und befand mich in der dunkelsten Nacht des Lebens. Damals erzählte Tommaso mir die Geschichte von Chiara Corbella, einer jungen Frau aus Rom, die mit 28 Jahren starb und für die letztes Jahr der Seligsprechungsprozess eröffnet wurde. Wohin Priester nicht gelangen konnten, da kam Chiara hin. Ich habe mich an ihr festgeklammert.“

Ein Blick auf die Kirche und die greifbaren Spuren, die viele Priester in den vergangenen 23 Jahren nicht nur in den Herzen der Gläubigen hinterlassen haben, bringt die versteckten Handlungslinien der Geschichte ans Licht, die die Mission durchziehen und bereichern: von der schönen Statue der Madonna, die Julián de la Morena mitgebracht hat, über die von Antonio Anastasio erneuerten Ambos, bis hin zu den Holzbänken, die immer noch aussehen wie neu. „Heute sehen wir die Früchte dessen, was sie gesät haben“, fährt Tommaso fort. „Das bedeutet auch, dass wir selbst die Früchte unserer Arbeit nicht sehen werden. Die Zeiten sind lang, sehr lang. Hier in Fuenlabrada habe ich Geduld gelernt.“ Und diese sieht man auch in der großen Liebe zum Detail: Aufmerksamkeit für die Liturgie, den mehrstimmigen Chor unter der Leitung von Michele, einem Italiener, das Blumen­arrange­ment auf dem Altar, das prächtige Weih­wasserbecken eines lombardischen Hand­werkers.

Väter und Söhne

Heute werden einige Kinder getauft, die in wenigen Monaten zur Erstkommunion gehen. Giuseppe Cassina feiert die Messe und alle Priester sind da: der eine am Altar, ein anderer leitet die Feier, wieder ein anderer begrüßt die Ankommenden. So funktioniert es hier: Jeder macht alles. Oder besser gesagt, wie es der Pfarrer ausdrückt: „Wir leben unter den Augen der Mitbrüder. Wir sind uns dessen bewusst, zusammen hierher gesendet zu sein.“ Das ergibt eine Stimmung der Freude und einer gewissen Komplizenschaft: Man beobachtet sich, korrigiert sich mit großer Freiheit und hilft sich gegenseitig.

Jeder Tag beginnt mit dem Morgengebet in der kleinen Hauskapelle und einer Zeit der Stille. Darauf folgt das gemeinsame Frühstück, zumindest am Wochenende: In wenigen Minuten werden die dringendsten Themen besprochen, mit einem Scherz, einem Lachen. Cassina sagt: „Der Sonntag ist eine Freude für mich, mit den kleinen Begegnungen und den Geschichten, die dir die Eltern erzählen.” Die Kirche ist voller Kinder und Familien und durchdrungen von einer gewissen Wärme, die einen fast die Kälte vergessen lässt, die zwischen den irgendwie hochgezogenen Mauern und dem Blechdach mit der Zugluft eindringt.

Als er ankam, sagt Giuseppe, dachte er, er sei nicht für die Arbeit mit Kindern geeignet. Er wuchs in Meda auf, in einer Gruppe von Familien, die jeden Samstag gemeinsam verbrachte. „Es gab so viele Menschen, dass ich manchmal kaum noch wusste, wessen Kind ich eigentlich war…“ Zuerst im Priesterseminar und jetzt in Spanien fühlt er sich dazu berufen, Familien auf dem Weg der Heiligkeit zu begleiten. Es braucht keine großen Strategien, um zu verstehen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Freundschaft mit den Kindern und der Beziehung zu den Eltern gibt. Es sind schöne Geschichten, zum Beispiel die des „Priesterfressers“. Von seinem Sohn, der zu den Gruppenstunden geht, neugierig gemacht, heiratet er schließlich in der Kirche, feiert noch seine Erstkommunion und passt jetzt auf seine Frau auf, die es noch gar nicht fassen kann, dass sie jetzt einen Ministranten zu Hause hat. Oder die von Miguel aus der zweiten Klasse, der, während er mit seiner Mutter unterwegs ist, plötzlich stehen bleibt und sagt: „Ich glaube an Gott.“ Schließlich organisiert die Mutter mit der Gemeinde einen Ausflug für die Familien zu einem Wochenende in der Sierra, in den Bergen. Es kommen zwanzig Familien, mehrheitlich Kinder. Da kommen auch Miguels Vater und die Dame mit den Schinken. „Jeden Monat gibt sie uns Lebensmittel im Wert von 80 Euro,“ erzählt Francesco, der 37-jährige Diakon, der sich um die Caritas kümmert. „Seit den Anschlägen in Madrid 2004 dankt sie Gott mit diesem Zeichen der Nächstenliebe dafür, dass ihre Töchter gerettet wurden.“ Dann kommen noch Rocío und Juan [diese und alle anderen Namen sind natürlich geändert], deren Tochter sich auf die Erstkommunion vorbereitet. Als die Mutter noch einmal schwanger wird und das Kind im November zur Welt kommt, kommt sie, die sonst nie einen Fuß in die Kirche setzt, um persönlich die frohe Botschaft zu bringen. Und Cassina ergänzt: „Und nach dem Weihnachtsessen, das hier etwas Heiliges ist, kommt sie noch, um uns zu gratulieren. Es sind kleine Dinge. Doch Gott ergreift uns nach und nach. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen willkommen zu heißen und zu ermutigen.“

Es gibt viele Taufen in San Juan Bautista, viele Erstkommunionen, etwa zwanzig Firmungen, aber nicht eine Hochzeit. Doch der Ehevorbereitungskurs, der auch auf der Homepage beworben wird, läuft sehr gut. Der Raum, in dem die Paare empfangen werden, ist hell: Don Giussani lächelt von einem riesigen Bild von der Wand. Die Paare kommen nach und nach herein, halten sich an der Hand und schauen sich neugierig um. Es sind Freiberufler, Studenten und Arbeiter. Jemand kommt aus Madrid, vielleicht von einem Freund geschickt. Fast alle leben schon zusammen. Viele von ihnen haben Kinder. Und selbst wenn sie woanders heiraten, kommen einige für die Taufe der Kinder zurück. Es ist ein intensiver Tag, doch in Fuenla sind wohl alle so. Ein Wochenende bietet Raum für Vieles: Spiele und Lieder der Kindergruppe, ein Abendessen und eine Versammlung der Schüler und eine Katechese für Erwachsene. Tommaso beschreibt sie als einen Weg der Schönheit, eine via pulchritudinis. „Eine Einführung in das Christentum, wie wir es verstehen – eine Erfahrung, eine Fülle des Lebens, die Gestalt Christi – durch die Schönheit. Ein Ort für alle, ohne dabei an Niveau zu verlieren.“

Wir haben noch gar nicht das Wort Freundschaft verwendet, auch wenn es das einfachste und angemessenste ist, um zu beschreiben, was an diesem Fleck der Welt geschieht. „Bei uns zu Hause bin ich gern, weil meine Mitbrüder hier sind“, so bringt Stefano es auf den Punkt. Und er spricht viel über das verbindende Gefühl der Personen, die hier zusammenleben. Es ist der Wunsch, „einander zu begleiten beim Wachsen in der Beziehung zu Jesus.“ Ein Gefühl und ein Urteil, das sich auf alle ausbreitet. Sogar auf José, einen Jugendlichen mit einem unruhigen Blick: „Ich war in meinem Inneren leer und versuchte, diese Leere durch Trinken und mit komischen Substanzen zu füllen. Aber die Leere war zu groß, als dass irgendetwas ausgereicht hätte. Dann haben mir die Menschen hier das Gefühl gegeben, so geliebt zu sein, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte.“

(Foto S. 3: rechts Giuseppe Cassina)

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