{"id":13143,"date":"2025-07-16T17:32:20","date_gmt":"2025-07-16T15:32:20","guid":{"rendered":"https:\/\/sancarlo.org\/senza-parole\/"},"modified":"2025-07-04T11:46:48","modified_gmt":"2025-07-04T09:46:48","slug":"senza-parole","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/senza-parole\/","title":{"rendered":"Ohne worte"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image wp-block-image--fnztema is-style-full-width\"><picture><source media=\"(min-width: 1280px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-1366x911.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-2400x1600.jpg 2x\"><source media=\"(min-width: 1024px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-1024x683.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-2048x1366.jpg 2x\"><source media=\"(min-width: 768px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-800x533.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-1600x1067.jpg 2x\"><source media=\"(min-width: 200px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-500x333.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/DE-CARLI-hp2-1000x667.jpg 2x\"><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" alt=\"De Carli Hp2\" \/><\/picture><figcaption>Die Poliklinik Sant\u2019Orsola-Malpighi in Bologna.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n<p>Die Patienten im vierten Stock von Pavillon 5 sprechen nicht. Aber sie schauen einen an. Es sind Patienten der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie oder der HNO, bei denen Operationen am Gesicht oder Hals durchgef\u00fchrt wurden, die, wenn auch zu therapeutischen Zwecken, das Gesicht, den einzigartigen Ausdruck der pers\u00f6nlichen Identit\u00e4t, ver\u00e4ndern und die sprachliche Artikulation einschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p>Entstellte Gesichter, stumme Blicke, schmerzhafte Grimassen, ein flehender Gesichtsausdruck. Wenn ich diese Abteilung betrete, ergreift es mir das Herz, mehr als anderswo.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal traf ich dort auf einen Patienten, dem die Zunge entfernt worden war. Der Chefarzt stellte ihn mir vor. Der Mann schaute mich geduldig an und beantwortete meine Fragen durch Kopfnicken und kleine Handbewegungen. Sein Gesicht war geschwollen und \u00fcber den ganzen Hals zog sich schr\u00e4g eine breite Wunde, die mit Dutzenden Metallklammern verschlossen war. Er litt offenbar sehr. Er hatte Hunger, konnte aber keine Nahrung zu sich nehmen. Er versp\u00fcrte Durst, konnte aber nicht trinken. Er hatte wohl starke Schmerzen und beugte, ungeachtet der Schl\u00e4uche f\u00fcr die k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung und Hydratation, die seine Bewegungen einschr\u00e4nkten, manchmal den Oberk\u00f6rper nach vorne, um etwas Erleichterung zu finden. Ich ber\u00fchrte ihn leicht am Bein, das von den Laken bedeckt war. Ich w\u00fcnschte mir, er w\u00fcrde nicht leiden, aber ich war machtlos. Mit seiner Zustimmung sprach ich ihn los von seinen S\u00fcnden, segnete ihn und vertraute ihn dem Herrn an. Ich bat Gott, er m\u00f6ge seine Schmerzen lindern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Mehr als es zu h\u00f6ren, lese ich es von ihren halb ge\u00f6ffneten Lippen ab: \u201eWeiter.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><br>Etwas weiter, in einem anderen Raum, liegt eine Patientin mit einem Loch in der Luftr\u00f6hre, aus dem ein riesiger Schlauch herausragt. Sie schaut mich mit ausdrucksstarken Augen an und deutet mit leicht ge\u00f6ffneten Lippen ein L\u00e4cheln an. Dann greift sie nach meiner Hand. Man sagt mir, sie sei eine sehr gl\u00e4ubige Frau. Bevor sie krank wurde, sei sie in einer Gebetsgruppe gewesen. Ich bete mit ihr. Ein <em>Vaterunser<\/em>, ein <em>Gegr\u00fc\u00dfet seist du<\/em>, <em>Maria<\/em> und ein <em>Ehre sei dem Vater<\/em>. Nur schwer kann ich dann ein Wort verstehen, das sie m\u00fchsam herausbringt. Mehr als es zu h\u00f6ren, lese ich es von ihren halb ge\u00f6ffneten Lippen ab: \u201e<em>Ancora<\/em>.\u201c \u201eWeiter.\u201c Ich entnehme dem, dass sie noch mehr beten m\u00f6chte, und spreche weitere Gebete. \u201e<em>Ancora<\/em>.\u201c Ich mache so lange weiter, bis ich alle Gebete, die ich kenne, aufgesagt habe. \u201e<em>Ancora<\/em>.\u201c Ich dr\u00fccke ihre Hand und bl\u00e4ttere in meinem Handy durch die Seiten einer liturgischen Website, auf der Suche nach weiteren Gebeten, die ihrem erstickten Schrei eine Stimme geben k\u00f6nnen, nach weiteren Tropfen Hoffnung, die ihren Durst stillen k\u00f6nnen. Ich spreche die ganze Lauretanische Litanei, alle Gebete zum Heiligen Josef, die ich dort finde, und den Barmherzigkeitsrosenkranz. Ich bete f\u00fcr diese Frau und mit ihr, indem ich ihr meine arme Stimme leihe. Dann spende ich ihr die Absolution und segne sie. Wieder einmal f\u00fchle ich mich machtlos. Ich w\u00fcnschte, auch sie k\u00f6nnte m\u00f6glichst schnell wieder genesen und Frieden finden. Aber vielleicht ist das nicht mehr m\u00f6glich. Das l\u00e4sst mich erneut \u00fcber das Geheimnis des Leids nachsinnen. Krankheit ist eine seiner besonders dramatischen Facetten. Als ich schlie\u00dflich meinen Blick hebe, f\u00e4llt er auf der wei\u00dfen Wand gegen\u00fcber auf ein Kreuz, klein, aber nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn einem die Worte fehlen, ist die Gegenwart Christi die einzig angemessene Antwort.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10809,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"slim_seo":{"title":"Ohne worte - Priesterbruderschaft des heiligen Karl Borrom\u00e4us","description":"Wenn einem die Worte fehlen, ist die Gegenwart Christi die einzig angemessene Antwort."},"footnotes":""},"categories":[922],"tags":[1251,962,1252,1253],"writers":[53],"regions":[950],"cities":[1008],"class_list":["post-13143","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-zeugnisse","tag-bisogno-de","tag-malattia-de","tag-ospedale-de","tag-preghiera-de","writers-martino-de-carli","regions-italia-de","cities-bologna-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13143"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13145,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13143\/revisions\/13145"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10809"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13143"},{"taxonomy":"writers","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/writers?post=13143"},{"taxonomy":"regions","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/regions?post=13143"},{"taxonomy":"cities","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/cities?post=13143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}