{"id":17307,"date":"2026-04-10T16:23:22","date_gmt":"2026-04-10T14:23:22","guid":{"rendered":"https:\/\/sancarlo.org\/un-abisso-damore\/"},"modified":"2026-03-18T16:23:34","modified_gmt":"2026-03-18T15:23:34","slug":"ein-abgrund-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/ein-abgrund-der-liebe\/","title":{"rendered":"Ein Abgrund der Liebe"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image wp-block-image--fnztema is-style-full-width\"><picture><source media=\"(min-width: 1280px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-1366x911.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI.jpg 2x\"><source media=\"(min-width: 1024px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-1024x683.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-2048x1366.jpg 2x\"><source media=\"(min-width: 768px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-800x533.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-1600x1067.jpg 2x\"><source media=\"(min-width: 200px)\" srcset=\"https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-500x333.jpg 1x, https:\/\/sancarlo.org\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BADIANI-1000x667.jpg 2x\"><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" alt=\"Badiani\" \/><\/picture><figcaption>Tommaso Badiani bei einem Treffen mit Studenten.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n<p>Vor einiger Zeit besuchte ich Juanita (Name ge\u00e4ndert, <em>Anm. d. Red<\/em>.), eine junge Frau aus unserer Gemeinde, im Krankenhaus. Als sie vier Jahre alt war, starben ihre Eltern an Krebs. Die Gro\u00dfeltern nahmen sie und ihren kleinen Bruder Alejandro, der damals erst zwei Jahre alt war, bei sich auf. Bis heute leben sie mit ihnen zusammen. All die Jahre haben sich auch Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen mit der f\u00fcr mexikanische Familien typischen Herzlichkeit um die beiden Geschwister gek\u00fcmmert.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Woche vor meinem Besuch hatte Juanita einen Unfall. Als sie in dem Hotel, in dem sie arbeitet, mit einer industriellen B\u00fcgelmaschine b\u00fcgelte, verfing sich ihr \u00c4rmel in der Walze und diese zerquetschte ihr den rechten Arm. Die Kollegen brachten sie sofort ins Krankenhaus, wo die \u00c4rzte ihr nach zwei Operationen von jeweils fast zehn Stunden den Arm amputieren mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in das Zimmer kam, in dem sie lag, lie\u00dfen die Angeh\u00f6rigen mich mit ihr allein. Ich stand vor einem zierlichen M\u00e4dchen, fast noch ein Teenager, mit einer dicken Brille. Wir stellten uns vor, und ich sagte, sie hei\u00dfe wie meine Gro\u00dfmutter. Wir mussten beide lachen. Dann kam die Frage, die ich erwartet hatte: \u201eTommaso, warum ich? Warum hat Gott zugelassen, dass mir das passiert?\u201c \u201eIch wei\u00df es nicht, Juanita\u201c, antwortete ich. \u201eWas ich wei\u00df, ist, dass jedes Kreuz, das Gott zul\u00e4sst, immer nur ein Ziel hat, auch wenn es uns absurd erscheint: dass wir entdecken, dass er unser Vater ist, und uns in seine Arme zu treiben. Wir m\u00fcssen uns fragen, was das Gute ist, das Gott durch das Schlechte, das uns widerf\u00e4hrt, bewirken will. Doch das k\u00f6nnen wir erst im Laufe der Zeit entdecken, wenn wir ihm treu bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>F\u00fcr einen Augenblick hebt sich\u00a0der Schleier des Sichtbaren und\u00a0man erblickt den Ozean des unsichtbaren Geheimnisses<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nach einem kurzen Moment der Stille wandte Juanita ihren Blick ab, als wolle sie sich auf das konzentrieren, was sie mir berichten wollte: \u201eWei\u00dft du, Maria hat mir ein gro\u00dfes Geschenk gemacht. Deshalb bin ich mir sicher, dass sie mich in dieser Pr\u00fcfung nicht im Stich lassen wird. Wie du wahrscheinlich wei\u00dft, habe ich meine Mutter verloren, als ich vier Jahre alt war. In letzter Zeit begann ich, den Klang ihrer Stimme zu vergessen. Ich habe mich bem\u00fcht, mich zu erinnern, aber es gelang mir nicht. Vor zwei Tagen hatte ich einen Traum. Ich befand mich in einem ganz wei\u00dfen Raum und h\u00f6rte eine Stimme, die mir sagte: \u201aHab keine Angst, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Ich brauche dich noch. Mach dir keine Sorgen, ich warte hier auf dich.\u2018 Als ich morgens aufwachte, wurde mir klar, dass das die Stimme meiner Mutter gewesen war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sie sprach, war Juanitas Gesicht wie verwandelt, ihre Augen weit offen und zum Himmel gerichtet. Tr\u00e4nen liefen ihr \u00fcber die Wangen. Dann schaute sie mich wieder an und sagte: \u201eIch wei\u00df, dass es sehr schwer werden wird. Ich werde lernen m\u00fcssen, alles mit der linken Hand zu machen. Aber ich habe keine Angst. Ich habe mich noch nie so geliebt gef\u00fchlt wie in diesen Tagen: meine Gro\u00dfeltern, meine Onkel und Tanten, meine Vettern und Kusinen, all die Freunde, die mich besucht und mir geschrieben haben. Ich hatte nie bemerkt, wie viel Liebe mich umgibt.\u201c Dann habe ich ihr die Beichte abgenommen und mich von ihr verabschiedet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich hinausging, hatte ich ein seltsames Gef\u00fchl. Mir kam in den Sinn, was das Evangelium von Maria bei der Verk\u00fcndigung des Engels berichtet: \u201eSie erschrak \u00fcber diese Anrede\u201c (Lk 1,29). Auch ich war erschrocken. Das Eindringen des G\u00f6ttlichen in unsere Sph\u00e4re verursacht immer Erschrecken. F\u00fcr einen Augenblick hebt sich der Schleier des Sichtbaren und man erblickt den Ozean des unsichtbaren Geheimnisses, der den kurzen Zeitrahmen umgibt, in dem sich unser Leben abspielt. Ein Ozean, der ein Abgrund der Liebe ist. Wenn wir unseren Blick darein versenken, auch nur f\u00fcr einen kurzen Augenblick, wird uns schwindelig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das Sch\u00f6ne am Priestertum: Man ist ein Mensch, der an der Schwelle des Abgrunds lebt, der Himmel und Erde gleichzeitig trennt und verbindet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man betritt ein Krankenhaus, um jemanden zu besuchen, und verl\u00e4sst es mit der Gewissheit, viel mehr zur\u00fcckbekommen zu haben. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":17308,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"slim_seo":{"title":"Ein Abgrund der Liebe - Priesterbruderschaft des heiligen Karl Borrom\u00e4us","description":"Man betritt ein Krankenhaus, um jemanden zu besuchen, und verl\u00e4sst es mit der Gewissheit, viel mehr zur\u00fcckbekommen zu haben."},"footnotes":""},"categories":[922],"tags":[961,1329,926],"writers":[15],"regions":[928],"cities":[985],"class_list":["post-17307","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-zeugnisse","tag-dolore-de","tag-mistero","tag-sacerdozio-de","writers-tommaso-badiani","regions-sudamerika","cities-citta-del-messico-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17307"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17307\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17311,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17307\/revisions\/17311"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17308"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17307"},{"taxonomy":"writers","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/writers?post=17307"},{"taxonomy":"regions","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/regions?post=17307"},{"taxonomy":"cities","embeddable":true,"href":"https:\/\/sancarlo.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/cities?post=17307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}