Vater ist der, der einen auf Gott verweist

„Lieben heißt, für den anderen das zu wollen, was ich ihm nicht geben kann.“ Eine Meditation über die Vaterschaft, zu der jeder berufen ist.

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Nach dem Tod von Papst Franziskus gab es zahlreiche Reaktionen, die aus dem entsprangen, was die Persönlichkeit des verstorbenen Pontifex bei den vielen Menschen ausgelöst hatte, die ihm begegnet waren. Neben aufrichtiger Zuneigung mangelte es nicht an Polemik und Versuchen, die Person Bergoglios und das, was er gesagt hatte, zu instrumentalisieren. Mit ein paar unserer Mitbrüder hatte ich wenige Tage nach seinem Tod das Privileg, einige Minuten im Gebet vor seinem Leichnam stehen zu dürfen. Ich war beeindruckt von der Flut der Menschen, die, oft nach stundenlangem Anstehen, für ein paar Sekunden an ihm vorbeigingen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Auch beim Requiem war ich überrascht von den vielen Würdenträgern aus aller Welt, die sich zu Ehren dieses Mannes versammelt hatten.

Der ganze Lebensweg eines Christen ist ein immer tieferes Entdecken des Vaterseins Gottes

Die Aufmerksamkeit, die dieses Ereignis erregt hat, schien mir vor allem eine Reaktion zu sein, um das große Schweigen zu überdecken: Die Stimme eines Vaters war erloschen. Ganz unabhängig von den Urteilen über seine Persönlichkeit und sein Werk war nach dem Tod des Papstes vor allem das Fehlen dieser väterlichen Gestalt zu spüren, die jeder Pontifex für die Kirche und die ganze Menschheit darstellt. Der Papst ist ein Vater und spielt, wie jeder Vater, eine entscheidende Rolle im Leben seiner Kinder. Er soll eine Tür sein, die die Menschen in das Leben und in die Welt eintreten lässt. Dieser Aspekt trat auch in den Interviews zutage, die mit „den Armen des Papstes“ geführt wurden. Diese Leute waren ihm sicher nicht oft begegnet, aber die meisten sagten: „Er hat uns geliebt. Er hat uns das Gefühl gegeben, wichtig zu sein. Er war wie ein Vater für uns.“

Was ist das Entscheidende, was ein Vater seinem Kind mitgeben kann? Wirklich entscheidend unter dem vielen, was er seinen Kindern geben kann, ist sicher nur eines. Und es wird vermittelt durch die Liebe, indem er das Kind annimmt als ein Geschenk. Lieben bedeutet, wie ich von Pater Mauro Giuseppe Lepori, dem Generalabt des Zisterzienserordens, gehört habe, für den anderen das zu wollen, was ich ihm nicht geben kann. Es bedeutet zu erkennen, wie ohnmächtig ich bin angesichts des Durstes nach Unendlichem, den jeder Mensch darstellt. Ein wahrer Vater ist daher in erster Linie ein Zeichen, jemand, der auf Gott verweist, den einzigen, der unser Leben wirklich erfüllen kann.

In einem berühmten Gespräch mit Giovanni Testori, das in dem Text Il senso della nascita (Der Sinn der Geburt) wiedergegeben ist, sagte Don Giussani: „Man kann einem Menschen, man kann einem Kind nicht vermitteln, dass es gewollt ist, das Gefühl, geliebt zu sein, das kann man ihm nicht begreiflich machen, wenn man ihm nicht die Freude über seine Bestimmung vermittelt.“ Ein Vater ist nicht jemand, der alles weiß, sondern einer, der weiß, wen er um alles bitten muss. 

Nicht nur der Papst, sondern jeder Priester wird in Italien „Padre“, „Vater“ genannt. Seine Berufung ist es nämlich, die Stimme des himmlischen Vaters für die Welt zu sein und die Stimme der Welt vor dem himmlischen Vater.

Den ganzen Lebensweg eines Christen, also jedes von uns, könnte man beschreiben als ein immer tieferes Entdecken des Vaterseins Gottes. Das wächst mit zunehmendem Alter und zunehmendem Glauben, aber es gilt immer. Ein Freund hat mir einmal gesagt: „Alle meine Kinder nennen mich Papa, aber das jüngste versteht etwas anderes darunter als das älteste. Und beide haben recht.“ 

Die Erkenntnis, dass Gott Vater ist, wird mit der Zeit immer tiefer. Und sie kann nur reifen durch Christus und seinen Leib, die Kirche. Auch die Sendung Jesu hatte letztlich dieses Ziel, wie das bezeugt, was er in seiner großen Abschiedsrede gesagt hat: „Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Und: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“

In dieser Ausgabe von Bruderschaft und Mission werden Sie einige Geschichten über das Vatersein von unseren Priestern finden, die Männer und Frauen dazu angeleitet haben, Gott als den himmlischen Vater zu entdecken. Das ist eine Aufgabe, die einem Angst machen kann, aber es ist auch der Weg, auf dem wir selbst mehr und mehr seine Kinder werden. Nun hat uns der Herr die Freude eines neuen Papstes geschenkt. Vor allem anderen sollten wir Gott für ihn danken und für ihn beten. Denn, wie Don Giussani uns gelehrt hat: „in der Kirche gibt es letztlich nur einen Garanten, den Bischof von Rom, den Papst“.

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