Ich wurde in der Emilia Romagna geboren, einem Land von Heiligen und Kommunisten. Meine Familie hat mir den Glauben vermittelt und eine aufrichtige Liebe zur Kirche, auch dank eines offenen und gastfreundlichen Hauses. Meinen Eltern und meinen Schwestern verdanke ich die Gnade, dass ich mich immer angenommen und geliebt fühlen durfte. Meine Jugendjahre waren geprägt von tiefen Freundschaften, die in der Pfarrei entstanden waren. Die Sommer waren voller Abenteuer, sei es während der gemeinsamen Ferien oder beim karitativen Engagement.
In die letzten Gymnasialjahre fällt meine persönliche Begegnung mit Christus. Es war im Sommer nach der 12. Klasse, als ich bei Arbeitsferien der „Operazione Mato Grosso“ [einer Aktion, bei der Jugendliche unentgeltlich arbeiten, um Projekte in Lateinamerika zu unterstützen, Anm. d. Red.] die Briefe von Pater Daniele Badiali entdeckte. Der Missionar, der aus Faenza stammte und in Peru tätig war, wurde von Entführern getötet, als er sich anstelle eines anderen als Geisel anbot. In seinen Briefen sprach er von einer Zeit, die er dem „Traum, Gott zu begegnen“ gewidmet habe. Genau das erlebte ich in jenen Tagen selbst, und genau das entfachte mein Herz. Nach meiner Rückkehr schrieb ich einem befreundeten Priester: „Mir ist klar geworden, dass ich mein Leben hingeben möchte.“
Ich beschloss, zum Telefon zu greifen: „Hallo, Don Massimo, kann ich vorbeikommen, um mit dir zu sprechen?“
Nach dem Abitur begann ich Jura zu studieren, in der Hoffnung, diese Eingebung in einem so edlen Beruf wie dem des Richters umsetzen zu können. Ich spürte jedoch bald, dass mir das nicht reichte. Das Zeugnis des albanischen Jesuiten Anton Luli riss mich aus der Lethargie meiner ersten Studienjahre. Dieser Priester hatte in Albanien unter dem kommunistischen Regime gelebt und vier Jahrzehnte im Gefängnis gesessen. Erst mit achtzig Jahren erlangte er seine Freiheit wieder. Sein Zeugnis endete mit den Worten: „Das Wichtigste in meinem Leben war die Treue zu Christus.“ Wie konnte er, obwohl er fast sein ganzes Leben hinter Gittern verbracht hatte, einen so tiefen Frieden verspüren?
Die vielleicht deutlichste Intuition, berufen zu sein, hatte ich ein paar Monate später. Ich verbrachte einen „Missionssommer“ in Brasilien. Während einer Wallfahrt zu einem Marienheiligtum war ich plötzlich ganz überzeugt, ich müsse alles aufgeben und bei den Jesuiten eintreten. Glücklicherweise hielt das nur drei Tage an, aber es bereitete den Boden für etwas anderes.
In Reggio Emilia gab es nämlich inzwischen einen neuen Bischof, Massimo Camisasca. Mit ihm waren auch drei junge Priester der Fraternità San Carlo gekommen. Mir waren sie völlig unbekannt, aber eines Abends luden sie nach einer Veranstaltung in der Kathedrale einen Freund von mir zu sich nach Hause ein. Und der nahm mich mit. An jenem Abend entstand aus diesem spontanen Zusammentreffen eine Freundschaft, die mein Leben verändert hat. „Warum fühle ich mich nur bei diesen Priestern wirklich zu Hause?“, fragte ich mich immer wieder. Durch sie habe ich auch das Charisma von Don Giussani kennengelernt, das meinen Glauben durch seine Vernünftigkeit und Konkretheit bereichert hat.
Ein lieber Freund, Cristian, gab mir einige Monate später den entscheidenden Anstoß, indem er seine Krankheit heiligmäßig trug. Wenige Tage vor seinem Tod forderte mich eine Predigt von Don Massimo zutiefst heraus, der sagte: „Durch das Leben von Cristian fragt Gott jeden von uns: Willst du mir dein Leben geben? Willst du es mir hingeben für alle Menschen? Willst du es mir geben für diejenigen, die mich nicht kennen? Im Geheimen seines Herzens muss jeder eine persönliche Antwort darauf geben.“
Inzwischen wusste ich, was meine Antwort sein würde, aber es sollte noch ein paar Jahre dauern. Nach dem Abschluss des Studiums versuchte ich trotz allem, meinen Traum von einer Laufbahn im Bereich der Justiz zu verfolgen, bis ich mich schließlich in einem Sommer entschloss, zum Telefon zu greifen: „Hallo, Don Massimo, kann ich vorbeikommen und mit dir sprechen?“
Das Herz der Welt, ein kleines Buch von Hans Urs von Balthasar (Schwabenverlag 1988), war in diesen Monaten der Entscheidung sehr wichtig für mich. Es fasste all meine Widerstände und meine Sehnsüchte sehr gut zusammen, vor allem eine: „Das vollkommene Wagnis, in dem ich sicher wäre, alles verlierend, alles erst zu gewinnen“ (S. 65).
