Bereits 2023 hatte die Zahl in Frankreich Aufmerksamkeit erregt: 8.324 Erwachsene und Jugendliche ließen sich in der Osternacht taufen, 2.400 mehr als im Vorjahr. Einige führten dieses Phänomen zunächst auf den Lockdown zurück. Später stellte sich jedoch ein mysteriöser „Ansteckungseffekt” ein: Auch nach der Rückkehr zum normalen Leben stiegen die Zahlen weiter an. Ostern 2024 wurden 12.000 Menschen getauft. Angesichts dessen war die Kirche in Frankreich sprachlos. Es passiert etwas, könnte man sagen, das nicht wir verursacht haben. Wir müssen dem folgen, was geschieht.
Seit zwei Jahren arbeite ich hier in Grenoble mit einer kleinen Gruppe zusammen, die in der Pfarrei Saint-Joseph junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren auf die Sakramente (Taufe, Firmung, Erstkommunion) vorbereitet. Die Sonntagsmesse ist dabei immer ein Erlebnis. In der großen Basilika (die sehr kalt ist, weil es zu teuer wäre, sie zu beheizen; sie hat Risse in der Apsis und einen provisorischen Teppichboden) wird es schwierig, einen Platz zu finden, weil die Bänke bereits um 19 Uhr voll sind mit jungen Leuten, die auf den Beginn der Messe zehn Minuten später warten. Sie sitzen still da und bereiten sich auf die Feier vor. Dann beginnt der Gesang, Weihrauch steigt auf, man taucht ein in die Liturgie, die ebenso feierlich wie schlicht ist.
Etwas sehr Interessantes geschieht auch bei der Kommunion: Neben jungen Leuten, die sehr gesammelt die Eucharistie empfangen, gibt es auch solche, die mit vor der Brust verschränkten Armen vor den Priester treten, um seinen Segen zu empfangen. Einige kommen von sich aus zur Messe, aus persönlichem Antrieb, andere, weil Freunde, Schulkameraden oder Kollegen sie eingeladen haben. Das ist wirklich etwas Neues. Der französische Staat unternimmt enorme Anstrengungen, um sicherzustellen, dass außerhalb des privaten Raumes nicht über Religion gesprochen wird, und oft nicht einmal innerhalb.
Es vergeht kein Sonntag, an dem ich nicht jemanden treffe, der zum ersten Mal dabei ist
Dennoch vergeht kein Sonntag, an dem ich nicht jemanden treffe, der zum ersten Mal dabei ist. Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand anschließend darum bittet, auf die Taufe oder die Erstkommunion vorbereitet zu werden. In diesem Jahr werden neun Personen getauft werden, für das nächste Jahr haben sich bereits 25 angemeldet. Und jeden Monat kommt noch jemand hinzu. Derzeit bereiten sich etwa 20 Jugendliche auf die Erstkommunion vor. Die meisten von ihnen wurden als Kinder getauft, aber nicht im Glauben erzogen. Weitere 20 bereiten sich auf die Firmung vor. Zunächst fällt es ihnen oft schwer zu benennen, wonach sie sich sehnen. Doch was diese jungen Menschen antreibt, ist nichts anderes, als der Durst nach jenem Leben, das nur bei Gott zu finden ist.
Romain haben wir 2023 auf die Taufe vorbereitet, 2024 dann auf die Firmung. Ein paar Monate später ist er aufgebrochen zu einer Mission bei den Christen in Armenien. Er hat seinen Job hinter sich gelassen, seine Freunde und seine besorgte Mutter. Aus Armenien schrieb er mir: „Ich erlebe so viele Dinge hier. Oder besser gesagt, ich lebe wirklich. Meine Gebete, mich lebendig fühlen zu können, sind erhört worden.“
