Gott, dem Vater, Raum geben

Sowohl im Leid als auch im Fest ruft Gottes Wirken Staunen und Stille hervor. Zeugnis aus Bogotá.

Sidoti
Don Andrea Sidoti mit der Gruppe der Kinder vom Samstag

Am Abend des 25. Oktober rief Pilar mich an, um mir mitzuteilen, dass ihr Sohn Miguel gestorben ist. Mit 13 Jahren. Er gehörte zu den Kindern, die jeden Samstag in unsere Pfarrei in Bogotá kommen, um gemeinsam zu spielen oder kleine Szenen aufzuführen und anschließend mit uns die Messe zu feiern. Sie bereiten sich auf ihre Erstkommunion vor.

Miguel hatte ungefähr einen Monat zuvor einen Fahrradunfall gehabt. Er schien schon auf dem Weg der Besserung. Wenn ich seinen jüngeren Bruder Esteban, der auch zur Gruppe der Kommunionkinder gehört, nach Hause brachte, ging ich immer kurz mit hinein und begrüßte Miguel. Die beiden Jungen lebten mit ihrer Mutter und zwei Schwestern im Teenageralter in einem einzigen Raum in der kleinen Favela, die zu unserer Pfarrei gehört. Bei einem dieser Besuche hatte ich den beiden Jungen gesagt, sie könnten gemeinsam zur Erstkommunion gehen. Sie freuten sich sehr. 

Kaum zwei Wochen später ging es Miguel plötzlich schlecht und er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Giovanni und ich besuchen jetzt abwechselnd die Familie, um sie in dieser schrecklichen Zeit nicht alleinzulassen. Die Mutter ist arbeitslos und konnte die Kosten für die Beerdigung nicht aufbringen. Wir boten ihr an, ihr dabei zu helfen und hielten eine Sammlung unter den Gemeindemitgliedern und Freunden ab, in dem Bewusstsein, dass wir alle ein Leib sind. Zusammen mit den Katecheten der Erstkommuniongruppen begleiten wir die Familie nun, in der Hoffnung, dass es die Hand eines guten Gottes ist, die die Geschichte lenkt, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist für uns und wir es nicht verstehen. 

Gott hat eine einzigartige und unwiederholbare Beziehung zu jedem der Kinder, die er mir anvertraut

Alles war schon geplant: Miguel sollte knapp zwei Wochen später die Erstkommunion empfangen. Aber Gott hat einen anderen Weg zugelassen. Nun ist Miguel ihm früher begegnet, nicht verborgen in Brot und Wein, sondern von Angesicht zu Angesicht, wie einem Vater, der schon lange auf seinen Sohn wartet. Es bleiben viele Fragen und eine Erkenntnis: Gott hat eine einzigartige und unwiederholbare Beziehung zu jedem einzelnen der Kinder, die er mir anvertraut. Und er bittet mich, mich dieser sehr persönlichen Beziehung anzunehmen, die er zu jedem von ihnen hat.

Am 8. Dezember sollen zehn Kinder die Erstkommunion empfangen, darunter auch Esteban. Fünf Minuten vor Beginn der Messe ist er immer noch nicht da. Ich rufe seine Mutter an und die sagt mir, Esteban wolle nicht mehr zur Kommunion gehen. Er fühle sich nicht wohl, weil alle anderen in Festkleidung erschienen seien, während er nur eine Jeans und ein offenes Hemd über einem weißen T-Shirt trägt. Ich laufe ihm nach, als er schon mit seiner Mutter auf dem Heimweg ist. Ich versuche ihm klarzumachen, dass es gar nicht darum gehe. Doch bei mir denke ich, es war falsch, mich nicht früher mit dieser Frage zu befassen. Eigentlich ist seine Reaktion mehr als verständlich. Ich warte, insistiere noch einmal, warte wieder, aber er will nichts davon wissen. Ich gebe aber nicht auf und denke an seinen Bruder Miguel. Schließlich lässt Esteban sich doch überzeugen. Er setzt sich zu den anderen Kindern und wird langsam ruhiger. Dann empfängt er zum ersten Mal die heilige Kommunion. Nach der Messe ist er überglücklich. Wir feiern alle zusammen im Pfarrsaal mit Kuchen und Liedern. Gegen Ende sehe ich ihn alleine dasitzen. Ich frage, wo seine Mutter ist. Bevor er mir antworten kann, kommt der Vater eines Mädchens, das auch zur Erstkommunion gegangen ist. Er erklärt mir, seine Familie habe mit Estebans Mutter gesprochen und wolle ihn einladen, bei ihnen zu Hause zu feiern. Wunderbar. Ich beuge mich herunter, um Esteban zu fragen, ob er das will, und er bestätigt es mit einem breiten Lächeln. Am Abend sehe ich ihn wieder, nach diesem ganz besonderen Tag. Er spielt mit den beiden Schwestern und zwei anderen Kindern aus dem Wohnblock, in dem er zu Gast war. Er ist so glücklich, dass er mich nur ganz kurz begrüßt, um keine Zeit zu verlieren und weiter spielen zu können. Ich danke Gott für dieses kleine Wunder.

Gott wirkt bei diesen Kindern immer viel mehr, als ich verstehen kann. Manchmal verstumme ich angesichts der Unverhältnismäßigkeit zwischen mir und dem, was er bewirkt. In diesem Schweigen danke ich ihm, dass er seine väterliche Liebe den Kindern hier in der Pfarrei zeigt. Meine Aufgabe dabei ist nur, ihm Raum zu geben, damit er durch meine Gesten, meine Worte und vielleicht sogar durch meine Fragen ihnen Vater sein kann.

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