All dies ist Frucht einer Umarmung

Am 20. Dezember letzten Jahres ist Pater Aldo Trento gestorben, nach 36 Jahren Mission in Paraguay. Zur Erinnerung an ihn veröffentlichen wir ein Zeugnis, das er im Dezember 2022 vor der Fraternità san Carlo gehalten hat.

Aldo Trento 2025

Ich war schon einige Jahre Priester, als ich Don Giussani zum ersten Mal begegnet bin. Zu der Zeit befand ich mich in einer schweren Krise, und diese Begegnung hat mein Leben verändert. Es ist eine lange Geschichte, aber ich denke, es lohnt sich, ein bisschen davon zu erzählen, damit ihr versteht, wieso dieses Stückchen Paradies entstanden ist, die „Fundación San Rafael“. Sie ist eine von der Pfarrei unabhängige Stiftung, aber auch Ausfluss der karitativen Dimension, die diese Pfarrei seit den Anfängen unserer Mission hier lebt.

Meine erste Begegnung mit Don Giussani fand im März 1989 statt, am Fest Mariä Verkündigung. Ich war völlig am Boden zerstört, menschlich gebrochen, weil ich den Sinn meines Lebens verloren hatte. Am Ursprung dieser Depression stand eine schwere emotionale Krise, die mich hatte glauben machen, mein Leben habe keinen Sinn mehr, nichts habe mehr Sinn. Mir war klar geworden, dass ich ohne eine Gemeinschaft, ohne einen Vater, der mir zur Seite stand, niemals aus diesem tiefen Brunnen würde herauskommen können, in den ich gefallen war.

So kam es, dass ich Giussani bat, ihn in seinem Haus in der Via Martinengo in Mailand besuchen zu dürfen. Er empfing mich mit großer Freude, und als er die Tränen in meinen Augen sah, umarmte er mich und fragte: „Was ist los mit dir, Aldo?“ Ich brach in Tränen aus und erzählte ihm alles, was ich gerade durchmachte. Er schaute mir in die Augen und sagte: „Wie schön, Aldo! Jetzt wirst du endlich ein Mann! Ja, wirklich. Denn das, was du erlebst, ist eine Gnade für dich, für die Bewegung und für die ganze Kirche.“ Ich konnte es nicht glauben. Noch nie hatte mich jemand so geschätzt, angenommen und geachtet.

Giussani fügte noch hinzu: „Wie schön wäre es, wenn du jemanden finden könntest, der dir zur Seite steht in dieser schwierigen Zeit.“ Da entgegnete ich: „Aber Don Giuss, wo könnte ich jemanden finden, der bereit wäre, seine Zeit mit einem Depressiven und Schizophrenen zu verbringen?!“ Er antwortete: „Dann heißt das, dass du den ganzen August mit mir in Corvara verbringen musst und an allen Treffen dort teilnehmen.“ So lernte ich in jenem Monat in Corvara seinen Freund, den Psychiater Prof. Eugenio Borgna kennen. Ich erinnere mich, dass Borgna bei einer Versammlung mit dem CLU sagte: „Wir sind alle ein bisschen schizophren.“ Daraufhin applaudierte Giussani energisch und ergänzte: „Ja, wir haben alle eine gewisse Schizophrenie in uns, wir alle erleben diese Spaltung des Ichs, jeden Tag, bei allem, was wir tun.“

Die Klinik ist bewusst schön gestaltet – so schön, wie Christus schön ist; so schön, wie ein Patient mit AIDS

Auf die Frage, was die Methode sei, um aus dieser Schizophrenie herauszukommen, antwortete er entschieden: „Durch eine Begleitung, durch jemanden, der uns nahesteht und dem wir uns ganz anvertrauen können. Was wir brauchen, ist eine Umarmung von jemandem, der uns ganz ungeschuldet annimmt.“ Ich verstand das sofort, und dank dieser Worte wurde mir klar, was ich gerade erlebte. Von diesem Moment an begleitete Giussani mich immer persönlich, sobald ich ihn brauchte. Ich konnte ihn jederzeit anrufen, oder er lud mich ein, ihn am Sitz der Bewegung in Mailand zu besuchen.

Seine Aufmerksamkeit mir gegenüber kam auch in der Entscheidung zum Ausdruck, mich nach Paraguay zu schicken. Ich erinnere mich, dass ich ihm eines Tages in Collevalenza sagte: „Wie kannst du so etwas Großes mit einem Menschen wie mir wagen, der so eingeschränkt und depressiv ist?“ Er antwortete: „Ich habe Vertrauen in dich und bin sicher, dass dir diese Herausforderung sehr gut tun wird.“ So brachte er mich am 8. September 1989 persönlich zum Mailänder Flughafen Linate an das Flugzeug nach Paraguay.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. In dieser Zeit habe ich hier in Paraguay sehr viel Schmerz und Leid erfahren. Aber der Herr hat mir großartige Freunde wie Don Alberto und Don Paolino geschenkt. Nach fast 10 Jahren in Paraguay begannen die Werke aufzublühen, die wir heute hier sehen. Sie sind Ausdruck der Umarmung, mit der Giussani mich damals aufgenommen hat. Es gibt kein einziges dieser Werke, das nicht Frucht der großen Zuneigung wäre, mit der Giussani mich von Anfang an begleitet hat. Man kann niemanden lieben, wenn man nicht zuvor selbst geliebt worden ist. So sind alle Werke hier Frucht der zärtlichen Liebe Gottes, die mich durch Don Giussani erreicht hat.

Man kann all das hier eigentlich nicht erklären. Aber die göttliche Vorsehung hat sich dieses armen, depressiven Menschen bedient, um ihre Liebe zu zeigen zu den Armen, den Kranken, den alten Menschen, den Kindern, den Hungrigen, die jede Woche hier vorbeikommen, um ein Mittagessen oder eine Tüte mit Lebensmitteln zu erhalten. Ein sehr schönes Zeichen dieser Liebe ist auch, dass alle Patienten der Palliativstation ein kleines Blümchen auf ihrem Nachttisch haben, als Zeichen dafür, dass sie das Antlitz Christi für uns sind.

Ich bin ein armseliger Mensch, aber hier hat Gott zweifellos Dinge getan, über die alle Welt staunt

Rollstuhl sitze, nimmt mich die diensthabende Schwester mit auf die Stationen, damit ich jeden Patienten kurz begrüßen, ihn segnen und ihm einen guten Tag wünschen kann. Die Klinik ist auch bewusst schön gestaltet. Sie ist schön wie Christus schön ist, wie ein Patient mit AIDS schön ist oder einer mit einem Krebs, der ihm den Mund zerfrisst. Die meisten Patienten sterben, nachdem sie nur kurze Zeit bei uns waren. Aber es käme keinem von ihnen in den Sinn, um Sterbehilfe zu bitten, selbst wenn er wirklich sehr leiden muss und große Schmerzen hat. Denn alle fühlen sich hier geliebt und angenommen. Ihre Einsamkeit ist mit der Wurzel ausgerissen. Dadurch ist mir klar geworden, dass man gegen Euthanasie am besten kämpft, indem man den Patienten mit Liebe begegnet, indem man ihnen die Hand hält und bis zum Ende an ihrer Seite bleibt. 

Als ich noch nicht im Rollstuhl saß, bin ich jeden Morgen mit dem Allerheiligsten zu allen Patienten gegangen, habe sie gesegnet und denjenigen, die das wollten, auch die Kommunion gespendet. Wenn jemand starb, feierten wir die Messe in der Kapelle, wo der Sarg stand, und brachten ihn dann auf den Friedhof, den wir auf einem Stück Land in der Nähe unseres Bauernhofs angelegt haben. Jetzt machen wir – dank der Hilfe eines Priesters –jeden Mittwochmorgen eine Prozession mit dem Allerheiligsten in der Klinik. Alles hier ist nicht nur schön, sondern spiegelt auch unsere Leidenschaft wider, zur Wahrheit zu erziehen, weil wir alle so die Gegenwart des Geheimnisses in jedem Detail erfahren können. Bislang haben wir fast 2.000 Patienten mit AIDS, Krebs und anderen Erkrankungen bis zum Tod begleitet. 

Zum Schluss möchte ich noch auf die Gegenwart der göttlichen Barmherzigkeit in diesem Werk hinweisen, die sich in der Schönheit jedes Details manifestiert. All dies ist Frucht jener Schönheit und jener Umarmung, die Giussani mir vor so vielen Jahren geschenkt hat. Anders könnte man nicht erklären, wie ein solches Werk existieren kann, das Millionen von Dollar gekostet hat, von denen ich nicht einmal weiß, woher sie gekommen sind. Ich bin ein armseliger Mensch, ich bin fast nichts, aber hier hat Gott zweifellos Dinge getan, über die alle Welt staunt. Das beweist die Gegenwart Gottes, der sich eines Armen wie mir bedienen kann. Noch heute denke ich: Herr, wie hast du das nur alles geschafft? Zweifelsohne braucht der Herr nutzlose Menschen wie mich, die sich ihm ganz hingeben, damit er durch sie etwas wirken kann, wie das, was man hier sieht. 

Dafür möchte ich wirklich allen danken, angefangen mit Papst Franziskus, der bei seinem Besuch in Paraguay 2015 entgegen dem Protokoll entschieden hat, in diese Klinik zu kommen, um die Kranken zu segnen. Als er die Kapelle betrat, sagte er mir: „Pater Aldo, das ist ein Werk Gottes, machen Sie weiter!“

Ich möchte auch meinem großen und lieben Freund Pater Patricio danken, der hier bei mir ist und mich mit seiner Menschlichkeit unterstützt. Wir machen diese Arbeit gemeinsam, nicht zuletzt wenn er dreimal in der Woche hierher kommt, um die Messe zu feiern. Und ich möchte auch der Fraternità san Carlo danken, besonders denen, die uns regelmäßig besuchen und mir immer große Aufmerksamkeit und Liebe schenken. Es ist immer noch die gleiche Umarmung, wie sie mir am Anfang zuteil wurde, die weiter lebendig, spürbar, zärtlich und stark ist.

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